Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

De Profundis - Poem by Anton Wildgans

Wir waren zwei und gingen durch die Nacht,
Vom Heimlichen der großen Stadt entfacht.
Unnennbares, ein Etwas, nicht geheuer,
Beklemmte uns mit Lust auf Abenteuer.
Weibfremd, verträumt, verseelt, verdacht -
Wir waren zwei und gingen durch die Nacht.

Die Kandelaber an der Straße Rand
Glommen in spätem, halbgelöschtem Brand.
Wind blies, so daß sie blinzten wie die Augen
Tagscheuer Wichte, die nichts Frommes taugen.
Und alles, was dies irre Licht betraf,
Schien aufgeschreckt aus angsttraumschwerem Schlaf
Und Trunkenheit, verwüstet, übernächtig
Und abgefeimten Hinterhalts verdächtig.

Manchmal, wie aufgeschreckter Krähen Flug,
Stießen die Worte auf aus ihm, aus mir;
Jedoch mit schnellerlahmendem Gefieder
Gingen sie bald ins Dunkel wieder nieder.
Ohne uns anzusehen, fühlten wir:
Worte nur Galgenvögel - Lug und Trug!

Da, aus der Seitengasse krummem Schacht,
Raunte es her, was Nacht zum tage macht,
Gespenstischen Geziefers Katzentritt,
Gekichere, Geflüstere: Komm mit! -
Aufflammte in die Schläfen jähes Rot
Uns beiden, heiser ward das Nein,
Jedoch die Hexen, dieser aufgeschminkte Tod,
Grünlich bespieen vom Laternenschein,
Umgirrten uns mit Worten, so gemein,
So voll Verheißung und Begierigsein,
Daß ich, besinnungslos in Blutes Not,
Hinnahm, ich Hungernder, den Kot für Brot
Und die mir griff, so sich am frechsten bot,
Und Gott verließ! Und Gott ließ mich allein.

Ein Leib ward hurtig nackt. O, welch ein Leib!
Traurig verheert von lieblosem Gebrauch,
Ausströmend Mischgeruch von scharfem Lauch,
Von übler Seife, Alkohol und Rauch
Gewöhnlichen Tabaks! - War dies das Weib,
Der Knabenträume Port, Gebild aus Hauch
Das schimmernde, das süß aus Honigkelchen
Aufduftete, wenn Wiesenmittag war?
Wenn aus der Saaten hingewogtem Haar
Wie warmen Brotes hold ein Odem drang
In alle Sinne ein?! War dies der Leib,
Der in den Stunden einsamster Gefahr,
Wenn jeder Hauch verlockender Gesang
Und leise Ladung war, traumwunderbar
Emporgeblüht dem überfüllten Blick?
Und den doch immer Traumesmißgeschick
Schon fast vollendetem Besitz entzog?
War dies das Weib? - Nein, dieses Zerrbild log!
Und dennoch! Abgrund klaffte auf und sog
Das erste Strömen, Stammeln, Schluchzen ein!
Und aus der Wollust allgemeinem Trog
Trank junger Durst der Freude ersten Wein.

Und Tage dann und Wochen, Angst und Scham!
O diese Angst, die all Besinnen nahm
Tags, nachts! - Und immer wieder sich beschauen
Und heilen Anblicks bangem Glück mißtrauen!
Zusammenschrecken, wenn sich ein Gefühl,
Ein ungekanntes, anzeigt; im Gewühl
Von Reue, Furcht, Verzweiflung, knieen, knieen!
Und beten irgendwie, zu irgendwem,
Zum lieben Gott, zum Sohne, zu Marien!
Und dennoch wissen - höhnisches Blasphem! -
Daß keines Himmels Macht und Anathem
Austilgen kann, was durch der Wollust Tür
Sich etwa einschlich, wachsend zum Geschwür.
Und eines Morgens dann - entdecken! Schweiß
In Grauens Wechselsturm strömt Eis und heiß!
Und wanken mehr denn gehn: zum Arzt! Und immer
Noch einer Hoffnung schwindsüchtiger Rest!
Und eine Grinsende weist in das Wartezimmer,
Und da, im Schein von kohlendem Asbest,
Lauter Befallene von gleicher Pest,
Visagen, die es stumpf und tierisch nehmen,
Gesichter, welche wegschaun und sich schämen,
Verwirrt, verstört, verdunsen und verkäst,
Und andre schon gezeichnet und verwest,
Der Venus rote Kronen um die Stirnen:
Kommis, Soldaten, Schüler, Mägde, Dirnen!

Und warten, warten in Folterpein!
Und endlich, endlich der Nächste sein!
Und schamvoll entblößt und zitternd stehn
Und wie ein Gelähmter dem Arzt zusehn
Und forschen in seinem Steingesicht
Und hören, wie er das Wort ausspricht,
Ganz fachlich, gemächlich und ungesinnt,
Das Wort, vor welchem das Blut gerinnt,
Das Wort, das wie Fäulnis den Leib verheert,
Das Fleisch vereitert, die Haut verschwärt,
Das Wort, das die Knochen zernagt und zermürbt,
Den Kuß vergiftet, die Wollust verdirbt,
Das Wort, an welchem das Mark verdorrt,
Gehirne zerbröckeln, das furchtbare Wort,
An dem der heilige Same stirbt,
Das Wort, so das Herz wie ein Schwert durchbohrt!

Da stürzte um mich wie ein Plundergezelt
In Trümmer zusammen das Wunder der Welt!
Da riß ich mit wahnsinnfiebernder Hand
Das Leben von mir wie ein brennend Gewand,
Auf daß es zerfalle, wie Zunder zerfällt! -

Seither schweb ich, irdischem Fluch enteilt,
Schwebe, in seufzende Lüfte geisterhaft aufgeteilt;
Hörend doch ungehört, sehend doch unerschaut
Walte ich unter den Wesen, allem Elend vertraut;
Bin in den Straßen der Städte, die wie die Bette sind,
Wo gesammelte Gier Welle um Welle rinnt;
Bin auf den flüsternden Bänken der Parke bei Nacht,
Bin in der blassen Knaben selbstgefährlicher Wacht;
Kenne die Wünsche der Mädchen, die spät aud der Arbeit gehen,
Blicke hinter die Masken der Tugend, der Liebesehen;
Weiß um die Orte und Stunden verbotenen Stelldicheins,
Um die Spelunken des Tanzes, der Unzucht, des Weins;
Bin, wo Verzweiflung und Hunger zu tierischem Toben verroht,
Bin, wo der Reichtum sich wälzt in seinem gergoldeten Kot;
Und ich sehe in tausender Lampen vereinigtem Schein,
Mauern durchschauend, die Stadt ein riesiges Lotterbett sein!
Höre es ächzen von all der Gepaarten wütendem Takt,
Höre die Ströme des Samens in brausendem Katarakt!

Leiber taumeln in Leiber, Blut verwirrt sich mit Blut,
Schreiber und Hurentreiber heizen geschäftig die Glut;
Und in den Münzen donnert der Prägstock durch Tag und Nacht,
Daß er die Schläfrigen wecke und peitsche durch Gottes Macht,
Daß sich, was nüchtern, besaufe, Sinn, der noch kühl ist, erhitzt,
Daß sich, wer schüchtern, verkaufe, daß jeder jede besitzt! -
Und ich sehe die Tore der Narrenhäuser aufschnellen!
Krachend zersplittern die Gitter der Tobsuchtszellen!
Hei, wie sie fuchteln und purzeln in ihren Folterjacken!
Sind wohl die Lustigmacher mit Schnurren und Schabernacken!
Schreien wie Papageien, schrillen und brüllen sich heiser,
Hopfen auf vieren als Tiere, stelzen auf zweien als Kaiser!
Kommen auch Weiber mit Blicken, verbuhlten, verdrehten!
Scheinen zu hübscheln, zu äugeln, scheinen zu büßen, zu beten!
Plärren geheiligte Texte nach ruchlosen Dirnenbänkeln,
Bieten dem Himmel sich an mit nackenden Busen und Schenkeln,
Möchten mit ihren ausgemusterten Siebenfachen
Wie ein Mannsbild den Herrgott gefügig machen! -
Und ich sehe die Brache der Totenäcker aufbersten!
Grausig erfüllt sich das Wort: Die Letzten werden die Ersten!
Wie die Pilze in Rudeln aufwuchern aus dumpfem Wuste,
Wimmeln die fahlen Schädel aus Lehmes brüchiger Kruste;
Wimmeln, wachsen und wackeln auf ihren gewirbelten Stengeln
Und die verrenkten Skelette folgen mit Wetzen und Dengeln,
Ordnen sich hurtig und stumm zum knöchernen Bacchuszuge,
Sind die Entfleischten umkreischt von heischender Geier Fluge,
Sind Korybanten, Mänaden, Heben, Epheben,
Klappergelenke schwenken mit schamlosen Thyrsusstäben!
Und sie schwärmen heran in endloser Heeressäule,
Gierig stürmen die Toten zur Messe lebendiger Fäule;
Und ein Brausen schlägt auf aus Fleisches wogendem Sumpfe,
Aus verkrampfter Umarmung bäumen sich Glieder und Rumpfe;
Jeder will sie berühren die Meister, die Väter, die Ahnen,
Die auf dem Felde der Schande gefallenen Veteranen!
Brüste drängen sich brünstig an eisig starrende Rippen,
Knirschende Kiefer saugen an giftig blühenden Lippen,
Finger, beringte, kraulen die gräßlich durchlöcherten Glatzen,
Nach gefährlichen Reizen tappen gespenstische Tatzen,
Dirnengerippe locken die Tollen und Idioten,
Und ein Sodom hebt an der Lebendigen und der Toten!

Und ein gepusteltes Scheusal von apokalyptischer Größe
Wächst wie ein Turm aus dem Chaos in furchtba geschändeter Blöße,
Daß sich die Schwangern verschauen am Aussatz des großen Verhurten,
Daß die Kloaken stauen vom Abfall der Frühgeburten! -
Und ich sehe den Herrn die Sonne wie einen Knäuel
In der Faust zerquetschen, daß Nacht sei über dem Greuel!
Sehe entsetzte Engel den Mond und die Sterne auslöschen
Und vor Gottes Antlitz Mauern von Wolken aufböschen.
Aber der Himmel loht Scharlach bis in die äußerste Gründung
Von dem Widerscheine der allgemeinen Entzündung,
Und die Gewässer versiegen, aber Geisire von Eiter
Speien über die erde, und das Gemetzel tobt weiter.

Und ich - schwebe, irdischem Fluch enteilt,
Schwebe, in seufzende Lüfte geisterhaft aufgeteilt.
Hörend doch ungehört, sehend doch unerschaut
Walte ich unter den Wesen, allem Elend vertraut.
Kinder, Jünglinge, Mädchen, ehmals war ich wie ihr,
Hatte Spieles Gefährten und alles war gut zu mir.
Kam die Mutter mich küssen abends zu früher Ruh,
Fielen mir noch unterm Beten schläfernd die Lider zu.
Jagte auf flimmernden Wiesen huschenden Faltern nach,
Warf mit geglätteten Kieseln nach den Wellchen im Bach,
Und ein Drache aus Zeitung, den mir der Vater gebaut,
Stand wie ein goldener Vogel hoch im Himmel umblaut.
Und ich wuchs in die Sehnsucht, und die Sehnsucht war mild,
Täuschte ich zärtliche Träume liebliches Mädchenbild.
Wußte schon, was erröten, Schauern der Liebe heißt,
Fand noch aus allen Nöten freundliche Wege zum Geist.
Sehnsucht ward zum Gedichte, ruhend an reinem Schoß,
Und die kleinen Verzichte machten die Seele groß.

Dann aber kamen die bangen Nächte, da Schlummer verwich,
nächte, da mich Verlangen quälend mit Tränen beschlich;
Hätte mir damals gegeben eine die süße Arznei,
Wäre vielleicht noch das Leben, wäre nicht alles vorbei!
Frühlingsblumen bemühten sich noch aus geschichtetem Laub,
Obstbäume streuten noch Blüten, schmeichelnder Hauche Raub;
Wolken, durchleuchtete, flögen von Aufgang zu Niedergang,
Weidichte Ströme zögen rauschend uralten Gesang;
Spiegwelten Städte und Berge, stürzten von glitzerndem Wehr,
Und der flößende Ferge frachtete Wälder zum Meer;
Fern an kristallener Himmel dünsteumwittertem Kreis,
Hoch auf silbernen Schimmeln funkelten Riesen aus Eis;
Und sein jubelndes Werde riefe der weckende Föhn -
O, wie war doch die Erde, Leben, wie warst du doch schön!
Und, inmitten der Schöpfung, Mensch ich, der Herr der Welt,
Über die Wesen und Dinge gütig als Meister gestellt!
Weitete bis zu den Sternen Erde durch Fühlens Kraft,
Hatte die Zeiten und Fernen um mich als Mantel gerafft!
Ungeborne Geschlechter träumten im Heiligtum
Meiner Lenden von ihrer späten Jahrhunderte Ruhm!
Ihre großen Gedanken sehnten aus dämmerndem Chor
Meines Herzens zum goldenen Maßwerk des Lichtes empor,
Ihre gewaltigen Taten harrten, wie Glocken i Turm,
im Gestühl meiner Stirne auf den erlösenden Sturm!
Und ich habe gemordet Taten, Gedanken und Traum,
Schwebe, ein Schatten, und klage fruchtlos dem fühllosen Raum:
Wehe dem Sünder am Geiste! Ihn reinigt nicht Reu noch Gebet!
Aber auch wehe dem Frevel, der sich am Fleische vergeht!
Blutes heiliger Hunger verleugnet oder entweiht,
Baut statt Stufen zum Himmel finstere Schächte ins Leid!
Bitter umfaltete Lippen verlernen den schlichten Kuß,
Trieb wird zur Sucht der Gehirne und nur der Reiz mehr Genuß!
Aber der Reiz ist die Hyder, die kein Besinnen erlaubt,
immer und immer wieder wächst ihr ein lechzendes Haupt!
Die ihr verfallene Stärke faßt nach dem Schwert statt dem Pflug,
Arbeit hat nicht mehr am Werke, Geist micht am Geist mehr genug;
Mensch sucht nicht mehr den Menschen, immer der Herr nurr nur den Knecht,
Und der Schmachtenden Jammer wird der Gesättigten Recht;
Recht entartet zum Zwitter, Henker halb, Mörder halb,
Und die entgötterte Menschheit rast um das goldene Kalb!
Grausame Lust am Gewinne blutopfert Völker dem Geld -
Aber der Frieden der Sinne wäre der Frieden der Welt!

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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012



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