Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

(28 February 1790 - 16 March 1862 / Javorník)

Die Wanderungen des Ahasverus - Erste Wanderung II. - Poem by Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

Rom war dahin! - Sie, die nie ihres Gleichen
Auf Erden hat gesehn, sie war gefallen!
Verschwunden war die Königin der Macht,
Die alte Herrlichkeit, sie sank in Nacht,
Und die Zerstörung zog durch ihre Hallen!
Was steht denn fest, wenn Rom nicht kannte stehen?
Konnt′ Dich der Sturm verwehen
Wie Spreu im Winde, Dich Du höchste, beste,
Die Du das Scepter strecktest durch die Welt,
Und stolz auf ihren Gipfel warst gestellt,
Als stütztest Du des hohen Himmels Veste:
Was ist denn dauernd in der Welt zu sehen?
Was steht noch fest, wenn Rom nicht konnte stehen?

Wie stolz sie blickt auf ihren sieben Hügeln!
Das höchste Wunder seit der Schöpfung Tagen,
Die Welt in einer Welt, aus deren Schloß,
Was je auf Erden herrlich war und groß,
Entsproß, um Raum und Zeit zu überragen! -
Wie ein gestrandet Schiff hebt aus den Wellen,
Die seinen Kiel umschwellen,
Die hohen Maste, seines Stolzes Zeichen,
Indeß um den geborstnen Wrack umher
In weiten Strudeln tief aufgrollt das Meer:
So Roma′s Zinnen, die zum Himmel reichen! -
Ach, seine Helden hat der Tod bezwungen,
Gleich jenem Schiffsvolk, das die Fluth verschlungen.

Doch die Vergangenheit tritt aus dem Dunkel,
So wie ein König, der sein Haupt erhebet,
Der angeborne Herrscher in dem Land,
Der, ob besiegt auch und vom Thron verbannt,
Doch stets im Herzen seines Volkes lebet! - -
Wir sehn die Gräber ihren Raub enthüllen;
Die hohen Todten füllen
Auf′s Neue den geweihten Raum! - Die Pforten,
Die lang verschloss′nen, thun sich wieder auf,
Zum Capitole nimmt das Volk den Lauf -
Der Triumphator naht und die Cohorten -
Der Consul kommt, ihm Roma′s Dank zu bieten -
Macht Platz, wenn′s Euch beliebt, macht Platz, Quiriten!

Ist′s Cincinnatus, der, den Pflug verlassend,
Die Aequier bezwang im blut′gen Kriege,
Und nun zurück kehrt, und den Göttern dankt,
Die Beute hinlegt, keinen Theil verlangt,
Und seiner Macht entsagt mit seinem Siege? -
Ist es Camill, der Brennus′ Heer geschlagen,
Deß goldnen Siegeswagen
Sein Viergespann zum Capitole lenket?
Er, dessen Blick die Feinde schon geschreckt,
Eh′ er noch seine Lanze ausgestreckt,
Dem Sieg auf Sieg die Götter Roms geschenket,
Und der, vom Ruhm gesättigt, nun ergrauet,
Der Eintrachtsgöttin einen Tempel bauet?

Dort nahet Fabius, und die Scipionen -
Der ernste Cato schreitet durch die Menge -
Carthago fiel, so eben ward′s ihm kund,
Zufriednes Lächeln schwebt um seinen Mund,
Und mildert seines Blicks gewohnte Strenge! -
Dort donnert Cicero, von heil′gem Grimme
Beseelt, mit mächt′ger Stimme,
Und Catilina′s freche Stirn′ erbleichet!
Rom ist gerettet! Ach, für kurze Zeit!
Vom kleinern Dränger nur ist es befreit,
Der größre hat es nur zu bald erreichet!
Crassus ist todt, Pompejus ist erschlagen,
Und Cäsars Schwert wird durch die Welt getragen! -

Ist das dein Loos? - Es hätten Deine Väter
Fruchtlos geübet ihre hohen Thaten,
Und konnten nicht verhindern deinen Fall?
Die Freiheit Roma′s ward ein leerer Schall,
Und Roma′s Bürger können sie entrathen? -
Was einst so groß, hat es so klein geendet? -
Einst, als das Schwert gewendet
Der blut′ge Gallier, dich zu verderben,
Saß der Senat, festlich geschmückt, in Reihen
Entschlossen, schweigend sich dem Tod zu weihen,
Weil Ehre nur noch übrig schien im Sterben.
Da warst du werth, daß sich die Welt dir beuge,
Nun stehst du eigner Schmach ein schnöder Zeuge.

Habt ihr′s gehört, ihr hingegangnen Schatten,
Habt ihr′s gehört in euern Grabesbetten?
Es leben Römer und die Freiheit fehlt;
Der Herzschlag stockt, der einst den Puls beseelt,
Es leben Römer und sie tragen Ketten?
Ihr glaubt es nicht, ihr blicket ernst und schweiget?
Nun denn wohlan, so steiget
Herauf, ob ihr sie mögt erkennen?
Blickt hin und schaut, was euch unmöglich scheint!
Und wenn ein todtes Geisterauge weint,
Wird eine Thrän′ in eurer Wimper brennen.
O sie ist′s werth die hingeschwundne Größe,
Daß Wasser selbst aus Geisteraugen flöße.


Ihr sucht den alten Glanz? er ist verschwunden!
Ihr sucht die alte Kraft? sie ist entwichen!
Was ihr geachtet einst, und groß erkannt,
Die Enkel warfen′s weg, wie eitel Tand!
Ihr sucht die alte Zucht? sie ist verblichen!
Um was ihr fragt, wie Abendroth der Wangen
Ist es verblüht, vergangen!
Ihr sucht die Mäßigkeit, die strengen Sitten?
Sie sind dahin! Der Ernst, er wird verlacht,
Es hat der Held dem Gaukler Platz gemacht,
Ein Wettkampf wird um′s beste Mahl gestritten,
Ein Koch gilt mehr in Rom als tausend Krieger,
Ein Zecher mehr, als Pyrrhus′ großer Sieger.

Und Söldnerheere stehen in den Waffen,
Ein käuflich Werkzeug in des Aufruhrs Händen;
Der heute noch den Reiterhaufen führt,
Wird morgen, frech, zum Herrn der Welt gekürt;
Soldaten sieht man Kron′ und Scepter spenden,
Den auf den Schultern eben sie getragen -
Da liegt er schon erschlagen!
Ungleich dem Cäsar, herrschen die Cäsare;
Tyrannen zwar, doch elend, klein und schlecht;
Ihr Szepter führt der freigelaßne Knecht,
Und feilscht das Recht, wie eines Mäklers Waare;
Auf die Tibere folgen die Nerone,
Verbrennen Rom und schlemmen auf dem Throne.

So sank sie hin, die einst so herrlich prangte,
Und nichts blieb übrig, als ein Traum des Ruhms,
Verschwunden, wie der Saitenton verklingt,
Wenn durch die Harf′ ein irrer Luftzug dringt!
Die Pforten sind gesprengt des Heiligthumes,
Der Freiheit heil′ges Bild hinweg getragen!
Nichts helfen mehr die Klagen! -
Ein rächend Amt vollführen die Geschicke,
Denn inn′re Größe ist der äußern Pfand;
Das Laster führt die Knechtschaft an der Hand;
Die reine Göttin scheut unreine Blicke,
Und fliehet, wie die züchtige Vestale,
Von wüster Frevler zügellosem Mahle.

Und zu den Wolken sieht aus ihrem Jammer
Mit Sehnsuchtsblicken die gedrückte Erde!
Kein Helfer kommt in ihrer heißen Noth,
Taub bleibt der Himmel, und die Götter todt;
Verzweiflung fragt, ob ihr kein Retter werde? -
Da tritt ein Stern hervor aus trübem Grauen
Der Nacht; und die ihn schauen,
Sie sollten finden die entschwundne Liebe,
Die ausgestoßen, wie ein nacktes Kind,
Pfadlos und einsam irrt! - Und leuchtend sind,
Damit dem Menschen noch ein Hoffen bliebe,
Geschrieben auf des Aethers dunklem Grunde
Die Friedensworte aus Jehova′s Munde!

Und alle Völker hatten sie gelesen! -
Die Welt erstand; nicht mehr in finstern Grüften
Verbergen sich die Christen vor dem Schwert,
Das grimmer Wahnsinn ihnen zugekehrt;
Der Weihrauch steigt nicht mehr aus Bergesklüften!
Nicht mehr in Wäldern müssen sie sich bergen
Vor blutgewohnten Schergen!
Frei auf zum Himmel tönen ihre Lieder,
Im schönen Einklang steigt der helle Chor
Der frommen Andacht in die Luft empor,
Und hell vom hohen Himmel tönt er wieder!
Der Hirtenstab und die dreifache Krone
Liegt auf der Weltstadt umgestürztem Throne.

Des Donnerers Altar am Capitole
Er ist zertrümmert und in Staub gestrecket:
Der Tempel Mars des Rächers ist nicht mehr,
Der Herd der Vesta ist von Flammen leer,
Der Juno Bilder sind mit Schutt bedecket! -
Die alten Götzen, die die Welt betrogen,
Sie sind nun fort gezogen
Auf immer, aus den lang beherrschten Reichen!
Schon lebt ein neu Geschlecht, das sie nicht kennt,
Nicht Thiere schlachtet, keine Opfer brennt,
Kein Augur deutet mehr der Zukunft Zeichen! -
Ein Gott nur lebt! Ein neues schön′res Hoffen
Schließt den Olymp, und zeigt den Himmel offen! -

Und wie der Frühling aus der Erde Tiefen
Ein frisches Leben ruft, die Quellen springen,
Des Eises Rinde auf den Strömen bricht,
Daß frei sie fließen; Wärme, Luft und Licht
Befruchtend in die brünst′ge Erde dringen:
Soll auch die Herzen, lang dem Haß verfallen,
Nun Liebe neu durchwallen!
»Ein Gott nur lebt!« So klang im hohen Liede
Der Cherubime heil′ger Wechselsang,
Und ihre Stimme jauchzt die Welt entlang:
»Preis in der Höhe, und auf Erden Friede!« -
»Nun ist es Zeit!« - ruft freudig der Verbannte,
Als er der Engel Jubellied erkannte. -

Und aufgewacht vom schweren Schlaf der Todten,
Aus seinem Grab erhebt sich Ahasverus,
Das Licht des Tages und die Welt zu schauen!
In heiterem Vertrauen
Ging er zu wandern, wie ihm Gott geboten.


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Poem Submitted: Thursday, May 24, 2012

Poem Edited: Thursday, May 24, 2012


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