Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

(25 August 1802 - 22 August 1850 / Schadat)

Faust. Die Verschreibung - Poem by Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

In eines Urwalds nie durchdrungner Nacht
Saß Faust auf einem Stamm, bemoost, vermodert;
Wildhastig gräbt sein Geist, der Wahrheit fodert,
Im labyrinthischen Gedankenschacht.
Das Auge zu; die festgeballten Hände
Sind an die Stirn gepreßt mit starrem Krampfe,
Als wollten helfen sie dem Geist im Kampfe,
Eindrücken seines Kerkers Knochenwände.
So saß der dumpfe Forscher manche Stunde,
Von seinen Zweifelqualen stets betäubter;
Bedenklich schütteln über ihm die Häupter
Die alten Eichen in verschwiegner Runde.
Nun springt er plötzlich auf von seinem Sitze,
Sein Aug' durchstarrt die öden Waldesräume
Und schießt umher im Dunkel Zornesblitze,
Und also fährt er scheltend an die Bäume:
»So sprich, so sprich, verfluchte Säuselbrut!
Sag an: was ist der Tod? was ist das Leben?
Ich find es nicht; mein Geist will Antwort geben,
Doch sie ersauft sogleich in meinem Blut.
Ihr Bäume haftet an der Mutter Brust,
Woraus hervorquillt der Geheimniswust,
Ihr lauschet mit den Wurzeln in den Grund,
Doch gebt ihr nichts aus seiner Tiefe kund.
Steht ihr im Blätterschmuck, ist euer Rauschen
Ein dummbehaglich Durcheinanderplappern;
Zu Winterszeit vernimmt mein gierig Lauschen
Von euren Ästen nur sinnloses Klappern.
Ihr kommt, den Wachstum in die Luft zu strecken,
Mit eurem stillen Glück mein Herz zu necken;
In Ast und Krone, Rindenriß und Knorren,
In eurem Blühen, Rauschen und Verdorren,
In Weisen mannigfalt, je nach den Zeiten,
Den alten Rätselkram mir auszubreiten.
Schweigsam verstockt ist alle Kreatur,
Sie weiset und verschlingt der Wahrheit Spur;
Den holden Flüchtling selbst, den rätselhaften,
Der leise nur berührt die Erd' im Fluge,
Ihn können auch die Steine nicht verhaften
In dauernd starrender Kristallenfuge;
Und bei dem Tier ein Narr um Kunde wirbt,
Das frißt und sprießt, das zeugt und säugt, und stirbt.
Ich kann mich nicht vom heißen Wunsche trennen,
Den schöpferischen Urgeist zu erkennen,
Mein innerst Wesen ist darauf gestellt,
In meiner ewigen Wurzel mich zu fassen;
Doch ist's versagt und Sehnsucht wird zum Hassen,
Daß mich die Endlichkeit gefangenhält.
Furchtbarer Zwiespalt ist's und tödlich bitter,
Wenn innen tobt von Fragen ein Gewitter,
Und außen antwortlose Totenstille,
Und ein verweigernd ewig starrer Wille.«

Ein Mönch (aus dem Waldesdunkel hervortretend)
Nicht wende an die Kreatur dein Fragen,
Sie weiß, wornach du dürstest, nicht zu sagen.
Was soll dein herber Groll und die Empörung?
Wer betend fragt, gewinnt allein Erhörung.
Dein Donnern weht wie Zirpen der Zikade
Vorüber an dem großen Gott der Gnade.
Willst du den Heiligen schauen und erkennen,
Muß erst Sein Licht in deine Seele brennen,
Durch Seine Kraft allein kannst du Ihn denken;
O möchte segnend sie zu dir sich senken!

Faust
Wenn Er der Angeschaute ist,
Und Aug' und Licht zu gleicher Frist,
So sieht doch nur Er selber sich
In meinem Haus, nicht aber ich.
Verworrne Demut ist das Beten;
Ich will Ihm gegenübertreten,
Beglücken kann mich nur ein Wissen,
Das mein ist und von Seinem losgerissen.
Ich will mich immer als mich selber fühlen;
Nicht soll aus meinem festen Mauerring
Die heilige Meereswoge fort mich spülen
Wie Tau, der leicht am Ufergrase hing.

Mönch
Durch Seine Kraft allein kannst du Ihn finden,
Und mit der Kirche sollst du dich verbinden.

Faust
Was bist du, Mönch, zu stören mich gekommen?
Ich kenn euch wohl und haß euch längst, ihr Frommen!
Willst du ums Haupt dein Zingulum verstohlen
Mir werfen, wie die Schlinge einem Fohlen?
Ich lache dein und spotte ganz gewaltig
Der Metze Babels, alt und mißgestaltig.

Mönch
Zur Kirche, wüstes Weltkind! sollst du kehren,
Daß mütterlich sie dir die bittern Zähren
Des Zweifels trockne, der Verlassenheit,
Die, unbewußt dir selbst, um Hülfe schreit.
O kehre heim zur gläubigen Gemeinde,
Und laß von ihr das kranke Herz dir pflegen!
Rings steht um dich der brüderliche Segen
Und wird dich schützen vor dem wilden Feinde;
Erlösen wird dich im geweihten Bunde
Der Geist des Herrn, lebendige Liebeskunde.

Faust
Ohnmächtig ist und elend auch die Schar,
Wenn jeder einzle aller Weisheit bar.
Die Kunde, die mir Einsamen geschwiegen,
Mit vielen würd' ich sie zu hören kriegen?
Zur Kirche, meinst du, daß ich flüchten soll?
Ei! wartet Gott, gleich einem Bänkelsänger,
Mit Seiner Stimme, bis die Stube voll
Mönch, hebe dich und laste mir nicht länger!

(Wieder allein)

Ist diese Welt dadurch entstanden,
Daß Gott sich selber kam abhanden?
Ist Göttliches von Gotte abgefallen,
Um wieder gottwärts heimzuwallen?
Ist aus urdunklen Ahnungstiefen,
Worin die Gotteskeime schliefen,
Das Göttliche zuerst erwacht,
Und stieg es auf zur Geistesmacht?
So daß Natur in Haß und Lieben
Als ihre Blüte Gott getrieben? -
An dieser Frage hängt die Welt,
Doch hab ich immer sie umsonst gestellt.
Ja! ob die Welt mit ihrem Lauf
Zu nennen ein Hinab? Hinauf?
Ist wohl der ernsten Frage wert;
Wie aber wenn es ein Hinaus?
Des vollen Gottes Ausstrom, Überbraus,
Der nie zurück zu seinem Quelle kehrt?
Ob alles Leben ein Verschwenden
Des unerschöpflich Reichen ist,
Das nie mehr wird von ihm vermißt,
Und bald wie ein vergeßnes Spiel muß enden? -
Wenn ich vorbei an einem Kirchhof geh,
Und Gräber mit den Leichensteinen seh,
Und mir das Wechselspiel bedenke,
Das mit den hier Vergeßnen ward getrieben,
Ist's wie ein Blick in eine leere Schenke,
Wo auf dem Tisch die Karten liegenblieben. -
Was ist's? - Man spricht von unglücklicher Liebe,
Wie sie manch armes Herz zu Staub zerriebe;
Ich habe diese Liebe nie gekannt,
Fürs Erdenweib war nie mein Herz entbrannt;
Die unglücklichste, ewig hoffnungslose,
Die Liebe für die Wahrheit ist mein Schmerz.
Vom Himmel fallen nicht Erhörungslose,
So schreit ich, sie zu suchen, höllenwärts.

Faust sprach es aus das grausenvolle Wort,
Riß aus der Brust ein Buch und warf es fort,
Und eine Rolle rafft er nun dafür,
Aus abgebleichtem Schriftenhauf herfür,
Und liest daraus ein dringendes Beschwören,
Daß rauschend sich des Waldes Haar' empören.
Er blickt umher im öden Waldesraume,
Ob er nicht seh' den schauerlich Ersehnten.
Was knistert hinter jenem alten Baume,
Dem sturmgebrochnen, traurig hingelehnten?
Er ist's! am Baum hervor, aus Moos und Moder,
Mit seiner Augen finsterem Geloder,
Der Teufel blickt gewärtig und bereit,
Und streckt sein Haupt in Faustens Einsamkeit.

Mephistopheles
Faust, kennst du noch den Medikus,
Der an der Leich' um Mitternacht
Dich überrascht mit seinem Gruß,
Und dir ein Wörtlein Trost gebracht?
Faust, kennst du mich den Jäger noch,
Der dich auf jenem Berge hoch,
Als du geglitscht vom steilen Rand,
Ergriff und hielt mit fester Hand,
Und stehen ließ verblüfft im Schrecke,
Hinumschwand um die Felsenecke?

Faust
Ich kenne dich, doch ohne Dank;
Mir wäre besser, wenn ich dort versank.

Mephistopheles
Freund, mir gefiel die Leidenschaft,
Die dich hoch über Blitz und Sturm
Von Fels zu Fels emporgerafft
Nach Stein und Blume, Kraut und Wurm;
Wie du in heißer Lieb' entflammt
Für deine rätselhafte Braut,
Die noch dein Auge nie geschaut;
Wie du am Stein dich festgeklammt,
Wie an der Eiswand ohne Halt
Du fest und keck die Hand geballt,
Sie blutig schlugst, im tollen Schweben
Mit deinem Blut dich hinzukleben.
Freund, mir gefiel so heiße Gier,
Und wahrlich, ich gestehe dir,
Wer also mit dem Tode wettet,
Ist wert, daß ihn der Teufel rettet.
Sieh da, noch sind die Hände wund,
Wie du sie hast ins Eis gehackt;
Dies Blut besiegle dir den Bund:
Auf, schreibe frisch den Ehepakt
Mit deines Herzens Purpurnaß
Fürs holde Liebchen Veritas!
Doch hast du was am Boden dort,
Das fort muß, oder ich muß fort.
Was starrst du so auf jenes Buch,
Das du wegwarfst mit einem Fluch?
Was hinterm Baum mich angekündet,
Wonach du hingelauscht, das Knistern,
Vom Feuer kam's das ich entzündet,
Es brennt nach der Scharteke lüstern;
O wirf hinein den eklen Band
Mit allen Liedern und Gebeten,
Geschichtefaslern und Propheten.
Hinein, 's gibt einen lust'gen Brand.

Faust
Hab ich verworfen auch die Schrift,
Ihr Anblick noch das Herz mir trifft;
Durch die mir einst so teuren Zeilen
Hör ich die Winde blätternd eilen;
Sie wecken, wie sie drüber fahren,
Mir Klänge aus vergangnen Jahren:
Als ob die Bibel mahnend wehte
Ans Herz mir Psalmen und Gebete
In wunderbaren Sehnsuchtsklängen,
Fühl ich darin ein bang Bedrängen.

Mephistopheles
Ha, die Gebete waren Wind.
Du sei ein Mann und schnell dich fasse,
Eh ich verachtend dich verlasse;
Der Teufel taugt nicht für ein Kind.
Die Blätter, einst dir noch so teuer,
Wirf sie geschwind in dieses Feuer!
Und sind verbrannt sie ganz und gar,
So streu zur Sühnung dir ins Haar
Die Asche vom geliebten Buch;
Mit einem büßerischen Spruch
Verneige dein geäschert Haupt,
Daß du so dumm warst und geglaubt,
Die Wahrheit, scheu und ewig flüchtig,
Nach der dir heiß die Pulse pochen,
Sie habe, völlig zahm und züchtig,
in diesen Schweinsband sich verkrochen.
Schlag dir die Faust zur Stirne oft,
Daß du so dumm warst und gehofft,
Daß du geträumt hast, der Geschichte
Längst abgewelkte Judenblätter,
Sie dauern grün im Zeitenwetter,
Und daß sie dir noch bringen Früchte,
Die ewig frisch das Herz dir laben,
Weil einer aufstand, der begraben.
Oh, Freund, sei bis zum Tod betrübt,
Daß du so dumm warst und geliebt,
Wie diese Blätter dir geboten,
Den ungeheuren Urdespoten!

Faust
Den Herrn nicht lieben, wäre schwer;
Doch liebt mein Herz die Wahrheit mehr.

Mephistopheles
So, Faust, du hast es recht begonnen;
Die Wahrheit mehr - ist viel gewonnen.
Sieh, wie das Feu'r die Zunge streckt,
Nach dem geweihten Futter leckt; -
Hinein damit, hinein damit,
Und deiner Knechtschaft bist du quitt!

Faust (wirft die Bibel ins Feuer)
Mich soll der Glaube nimmer locken.
Sie brennt; ihr Zauber ist besiegt;
Der Trost, den sie geboten, fliegt
Zerstreut in grauen Aschenflocken.
Entschieden war mein Sinn zuvor,
Als dich mein Wort heraufbeschwor.
Jetzt wär's zu spät, mich zu bedenken,
Im Herzen noch den süßen Wahn
Unschlüssig feig herumzuschwenken;
Ich schütt ihn plötzlich aus: wohlan,
Ich bin ein Mann, und was ich liebe,
Lieb ich mit vollem Mannestriebe,
Ich lieb's auf Leben und auf Sterben,
Auf Heil und ewiges Verderben.
Wohlan, du letzter Helfer, sprich:
Willst du zur Wahrheit führen mich,
Daß ich ihr Antlitz schauen mag?

Mephistopheles
Ich will; doch schließe den Vertrag.
Das beste Mittel wäre fast,
Du hängtest dich an diesen Ast;
Doch wirst du wohl noch länger wollen
Herum dich treiben auf den Schollen;
Und wenn ich's recht genau bedenke,
Schad' wär's, daß Faust sich jetzo henke.
Dein halbes Leben ist verflossen,
Es ward vergrämelt und vergrübelt,
Einsam in studiis verstübelt,
Hast nichts getan und nichts genossen.
Hast noch die Weiber nicht geschmeckt,
Noch keinen Feind ins Blut gestreckt.
Das Beste, so das Leben beut,
Hast du zu kosten dich gescheut.
Sonst ist des Menschen höchste Lust,
Daß liebend er ein Kindlein mache,
Und wenn er haßt, dem Mann der Rache
Den Dolch zu stoßen in die Brust.
Denn: liebend zeugen, hassend morden,
Ist Menschenherzens Süd und Norden;
Und was dazwischen innesteckt,
Sind Keime, doch zurückgeschreckt,
Sind Sprossen, doch die halben, matten,
Von Totschlag oder von Begatten.
Du warst bis jetzt ein blöder Tor;
Drum höre, was ich schlage vor:
Der alte Zwingherr hält die Erde
In knechtisch frömmelnder Gebärde;
Doch hat mein Erzfeind nicht versagt
In seiner Welt mir freie Jagd.
Verdinge dich mir zum Gesellen,
Und hilf mein Weidwerk mir bestellen,
Ich will dafür bei meinem Leben
Die Wahrheit dir zum Lohne geben,
Und Ruhm und Ehre, Macht und Gold,
Und alles was den Sinnen hold.
Von deiner Seel' es sich versteht,
Daß sie mit in den Handel geht.
Laß bluten die verharschte Hand,
Zu schreiben mir das Unterpfand,
Und daß dazu beitrage jeder,
Reich ich dir diese Hahnenfeder,
Die ich in einem Forste jüngst,
's war grade Sonntag früh, zu Pfingst,
Dem Raubschütz aus dem Hute zog,
Als ihm ins Herz die Kugel flog.
Recht artlich war es anzusehn,
Wie so der Dieb, im dichten Laub
Versteckt, auflauscht dem Wildesraub;
Wie doch vier Jäger ihn erspähn,
Wie er auf sie drei Kugeln sendet,
Von denen jed' ein Leben endet,
Die vierte, ohne Sakrament,
Ihm selber durch die Lungen rennt.
Was ist dir, Faust, du wirst so blaß,
Ging dir zu Herzen gar der Spaß?

Faust
So reiche mir den Hahnenkiel:
Doch laß der Laune freches Spiel,
Die widerlich dein Wort mir salzt.

(Die Feder betrachtend)

Der arme Hahn, voll Liebesnot,
Hat selber sich dem bittern Tod,
Und mich der Hölle zugefalzt.
Hier unterschreib ich den Vertrag,
Weil ich nicht länger zweifeln mag.

Mephistopheles
So recht, mein Faust, es ist geschehn;
Leb wohl, auf frohes Wiedersehn!

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Poem Submitted: Tuesday, May 22, 2012

Poem Edited: Tuesday, May 22, 2012


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