Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

(25 August 1802 - 22 August 1850 / Schadat)

Faust. Görg - Poem by Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

Schenke am Meeresstrand

Faust, Mephistopheles, Görg, Michel, Kurt, Hans und andere Matrosen, Dirnen, Spielleute u.a.

Kurt
Das Schiff ist hin, doch nur mit Maus,
Der Mann schwamm glücklich noch hinaus.

Michel
Fragt keiner mehr nach unserm Kapitäne?

Hans
Was ließ er sich auch handumkehr
Bordüber schmeißen in das Meer?
Mit seiner harten Zucht und weichen Träne!

Görg
Wie so der Tod, der Jägerschuft,
Mit seinem Hund, dem Sturm gebirscht,
Wie's Wolkenbüchslein blitzt' und pufft',
Der Hund so wild herumgeschnufft,
Wart ihr doch alle recht zerknirscht?

Kurt
Das war denn auch ein schlechter Spaß,
Ich war bis in die Seele naß,
Ich war so naß und durchgeweicht,
Daß ich mich sehnte nach der Beicht'.

Görg
Da lagt ihr mit geduckten Stirnen,
Gelobtet Messen, reine Sitten;
Nun in den Armen dieser Dirnen
Scheint ihr's dem Teufel abzubitten.

Michel
Schlich dir nicht auch, trotz deinem Trotz,
Du harter, kalter Felsenklotz,
So ein Gebetlein in den Bart?

Görg
Dafür bin ich zu kalt, zu hart.
Ich bete nichts, ich bitte nichts,
Will's nimmer halten, ei, so bricht's!

Hans
Sag, Görg, hast du auch nicht geflucht?

Görg
Ich bete nie, drum fluch ich nie,
Sing stets nach einer Melodie,
Im offnen Sturm, in stiller Bucht.

Hans
Mehr ist der Fluch der Seele wert,
Als für die Faust ein scharfes Schwert.

Görg
Der Lebensgang ist Schlachtengang,
Drum juble nicht und sei nicht bang.
Zieht der geschloßne Reitertroß
Just über dich mit Tritt und Stoß,
Zerschmettert er dir auch ein Bein,
So sollst du nicht der Bube sein,
Der auf dem Schlachtfeld keifend huckt,
Den Rossen nach den Hufen spuckt.

Kurt (eine Dirne im Arm)
Umschlinge mich mit deinen warmen
Und wonnereichen Liebesarmen!
Viel Leben hat die lange Fahrt
Für diese Stunde aufgespart.
Das Waldesgrün, der Vogelsang,
Und all der süße Frühlingsdrang
Blieb mir verloren und versäumt,
Wo nur die kalte Woge schäumt
Und Sterbelieder singt der Wind.
Die Erd' und ihre ganze Lust
Drück ich in dir an meine Brust,
Umarme mich, du süßes Kind!

Michel (zu Görg)
Was hältst du, Mann des weisen Spruchs,
Von dieser Dirne vollem Wuchs?

Görg
Ein Dirnlein frisch, ein Becher Sekt,
Nicht minder wohl als euch mir schmeckt.
Den leichten Schwarm der Sorgenmücken
Ersäuft der Wein, das Freudenmädel
Dient eben mir als Mückenwedel,
Doch nicht zu lärmendem Entzücken.

Michel
Wirt! noch zwölf Flaschen Fliegengift,
Nur daß er mir das stärkste trifft.
Wirt, schenk' er auch den Fiedlern ein!
Ihr lasset eure Geigen klingen,
Frisch aufgespielt, damit wir fein
Im Takt die Fliegenwedel schwingen!

Görg
Komm her, du mein nußbraunes Schätzel,
Reich mir zum Tanz dein weiches Tätzel;
Ein artig Kind! Wie heißt du doch?

Dirne
Suschen, mein lieber Schiffsgesell;
Dreh mich nur nicht herum so schnell.

Görg
Wir werden schon bekannter noch.

Mephistopheles (flüsternd, zu einer Dirne)
Gedenkst du noch des Pfaffen, der vor Jahren
Als Buhle dein mit dir herumgefahren?
Soeben sank der arme Schalk ins Meer.

Dirne
Mein alter Schatz ertrank? - bedaure sehr!

(Sie tanzt weiter)

Suschen (zu Görg)
Du rührst dich selbst vom Flecke kaum,
Und drehst und schwingst und tummelst mich,
Ich gaukle auf und nieder dich,
Wie's Eichhörnlein am Eichenbaum

Kurt
So heiser auch die Geigen tönen,
Ist's doch ein lieblicher Gesang,
Vergleich ich das dem Windesstöhnen,
Dem Schrei bei Schiffesuntergang.

Hans (zu seiner Tänzerin)
Du dickes Teerfaß, rühr dich fein,
Sonst schlag ich dir die Dauben ein!

Kathe
So laß mich los, du toller Schuft!
So laß mich schnappen nur nach Luft!

Hans
Fort, fort, mein Schweinchen, ohne Rast!
Der Walzer, Kind, ist keine Mast;
Ich will von deinem lieben Ranzen
Ein bissel dir heruntertanzen.

Kathe
Weh mir! helft mir von diesem Flegel!

Hans
Du keuchst wie ein zerrißnes Segel,
Ein kleines Weilchen, dicke Seele,
Erlaube, daß ich dich noch quäle.

Görg (setzt sich mit seiner Tänzerin an Fausts Tisch)
Komm, Kind, und laß dein Blut verwallen,
Setz dich zu mir.

(Zu Faust)

Euch trink ich's zu!

Faust
Ich fand an dir ein Wohlgefallen,
Stoß an, mein wackrer Bruder du!
Du sprachst zuvor ein tüchtig Wort
Vom Leben; Bruder, fahre fort,
Erzähle weiter mir ein Stück,
Was du vom Leben hältst und seinem Glück?

Görg (trinkend)
Sie haben mich stockfinstrer Nacht
In diese Welt hereingebracht,
Ich weiß kein Wort, auf welchen Wegen,
Ist just auch nichts daran gelegen.
Nun bin ich da, hab meinen Platz,
Der ist gut gnug, ist grade recht,
Denn daß ich nach dem Busenlatz
Fortunas schiel, ist mir die Welt zu schlecht.

Faust
Sag an, glaubst du an einen Gott?

Görg
Du zeigtest dich im Sturme fest,
Drum sich's mit dir verkehren läßt,
Sonst schickt' ich dich jetzt heim mit Spott.
Ich glaube - Kameradenwort,
Bei gutem Wind wohl an den Port,
Ich glaube, daß ein Schiff versinkt,
Wenn es zuviel Gewässer trinkt,

(Er trinkt)

Wie selber ich zu Boden sänke,
Wenn ich zuviel vom Weine tränke;

(Er küßt seine Dirne)

Ich glaub an diesen süßen Kuß;
Ich glaube, daß ich sterben muß.

Faust
An Gott vor allem glaubst du nicht?

Görg
Ich schaute nie sein Angesicht,
Niemals mir seine Stimme klang;
Wenn er von mir was haben will,
So blieb' er nicht so mausestill,
So gab er mir ein Zeichen lang.

Faust
Gab er dir nicht in Berg und Tal,
In blauer Luft, in Wetterstreichen,
Im großen Meer, im Sternenstrahl,
Daß er da herrscht, ein starkes Zeichen?

Görg
Soll all das mir zum Zeichen frommen,
So muß er früher selber kommen,
Daß ich von ihm erst fassen lerne:
Was sagt: Berg, Tal, Luft, Meer und Sterne?
Das alles ist mir vorderhand
Nur eben Stern, Luft, Meer und Land.
Was ich nicht fasse und verstehe,
Darf nicht dem Herzen in die Nähe.

Mephistopheles
Ihr mochtet wohl in frühern Zeiten
Durch goldne Weizenfelder schreiten;
Saht Ihr's auch an den Ährenwogen:
Daraus wird Branntwein abgezogen?
So seht Ihr's Berg und Tal nicht an,
Und nicht der Luft, dem Ozean,
Und nicht dem vollen Firmament,
Was draus der Mensch für Geister brennt.
Man hat daraus hervorgebracht
Den Wunderschnaps die Trinität,
Der mit betäubend süßer Macht
Dem Menschenvolk zu Kopfe geht.
Tut einen herzhaft starken Zug
Vom dreimal abgezognen Geist,
Gebt acht, wie Euch im Taumel kreist
Das schwache Haupt, Ihr habt genug.
Das ist ein tiefer Rausch, den man
Im Grabe kaum verschlafen kann.
Seht meinen Freund hier, Doktor Faust,
Wie hat er doch im Schiffe neulich,
Als da der tolle Sturm gehaust,
Auf seinen Gott gezankt so greulich!
Das war, verlaßt Euch drauf, mein Lieber,
Noch immer was vom Glaubensfieber,
Es war der Seele krankhaft Rütteln,
Den alten Rausch hinauszuschütteln.

Faust
Ein Herz hat Ruh', das nie geglaubt;
Und glücklich, wen die böse Stunde,
Die seines Glaubens ihn beraubt,
Gleich drauf verscharrt im Grabesgrunde!

Görg
Noch wankt es unter deinem Fuß,
Hast keinen festen, sicheren Genuß.
Pflück ich ein Weib, macht mir's mehr Skrupel nicht,
Als brech ich dieser Flasche hier den Kragen;
Mein Liebsgenuß ist große Zuversicht,
Mein Trinken unverwüstliches Behagen.

Faust
Glückselig ist, wer unerwacht
Hinüberträumt in jene Nacht,
Wem noch ein gläubiges Gebet
Wie Frühlingsluft von dort - sein Licht ausweht.

Görg
Mein edler Freund, ich glaube fast,
Daß du zuviel getrunken hast,
Zwar nicht vom Wein, den wie ein Krankes
Du kaum benippt hast und berochen,
Wohl aber jenes Wundertrankes,
Von dem dein Kamerad gesprochen.

Faust
Der Seligste von allen ist,
Wer schon als Kind die Augen schließt,
Wes Fuß nie auf die Erde tritt,
Wer von der warmen Mutterbrust
Unmittelbar und unbewußt
Dem Tode in die Arme glitt!

Görg
Schon bricht die wilde Lust die letzten Schranken;
Die Kerle toben hier so freudengrimmig,
Dabei so ungeschlacht und bärenstimmig,
Man überhört die eigenen Gedanken.

Lieschen (die schönste Dirne zu Faust)
Ihr seid ein herrlicher Mann, o führt
Zum Tanz mich, dem schönsten in meinem Leben!
Leicht werd ich und flüchtig und ungespürt,
Wie die Stunde des Glückes dahin Euch schweben.
O freue dich! höre die lustigen Geigen!
Umschlinge mich, Schönster, zum seligen Reigen!

Faust
Laß ab von mir, ich tanze nicht;
Mach kein so lustiges Gesicht,
In deinem Auge steht es klar,
Daß deine ganze Lust nicht wahr;
Im tiefsten Aug' der trübe Schatten,
Den mir kein Lächeln täuschend lichtet,
Das ist das dunkle Bild vom Gatten,
Vom Mutterglück, das du vernichtet.
Was dich in meine Nähe trug,
Das war vielleicht Verwandtschaftszug:
Wir beide traten auf der Reise
Keck aus dem vorgebahnten Gleise,
Denn was dem Mann Erkenntniskraft,
Ist für das Weib die Mutterschaft;
Faßt er damit getrost ein kleines Stück
Der großen Welt, ward er zum Heil geboren;
Sie faßt die ganze Welt im Mutterglück,
Und tut sie's nicht, ist sie verloren.

Kurt
Hurra! so hab ich keine noch durchwacht,
O lebensheiße, volle, starke Nacht!

Michel (Kurt umarmend)
Du bist der Tollste von uns allen,
O laß mich um den Hals dir fallen.

Görg
Faust, bist du denn ein Weiberfeind?
Das schöne Kind kam dir mit feiner Art,
Du stießest sie zurück so schnöd und hart,
Dort steht sie nun im Winkel still und weint.
Daß sie nun weint, kann mich nicht rühren,
Das Mädel hat in dieser Stund'
So viel gejubelt ohne Grund,
Mag sie nun auch zum Wechsel Tränen führen.
Doch hast du etwa einen Keuschheitspakt,
So fänd' ich's albern, Freund, und abgeschmackt.

Faust
Ich habe auf der See die langen Tage
Mir überdacht des Lebens manche Frage,
So konnt' ich auch die Liebeslust bedenken,
Und mag damit nicht weiter mich befassen.
Die Lust soll sich der Stolz nicht schenken lassen
Von der Natur, auch wenn sie wollte schenken;
Doch will sie nicht, es ist ein Mäklergeist,
Der überall genau sie rechnen heißt;
Wer ihr die Liebeslust nicht unverdrossen
Heimzahlt in treuer Sorge für die Sprossen,
Hat sie geprellt und muß bezahlen
Die Mahnerin mit Herzensqualen.
Nun bin ich dieses Handels quitt,
Der ich für die gebrochne Treue
Verdruß genug im Herzen litt,
Bis ich den Jammerbalg erschlug, die Reue.

Mephistopheles
Mein Faust, der ist gedankenkrank;
Doch ist sein schwarzer Predigerschwank
Für Schenken schlechter Zeitvertreib.
Erst lag in Metzenaugen Trauerspur,
Nun läßt er gar hausieren die Natur
Mit Liebeslust als Krämerweib.

Görg
Ei was Natur! wer ist denn die?
Wo steckt sie denn? Ihr saht sie nie;
Auch so ein abgezogner Geist,
Der Euch im trunknen Kopfe kreist?

Mephistopheles (zu Görg)
Längst hätt' ich gern, doch wagt' ich's nicht,
Euch meine Freundschaft angetragen.

Görg
Ihr seid mir der fatalste Wicht,
Der mir vorkam in meinen Tagen!

(Zur Dirne)

Komm, Mädel, tanzen wir eins rum!

Dirne
Bin froh, schon ward mir angst und bang
Vor eurem ernsthaften Gebrumm;
Gescheiter ist der Fiedelklang.

Faust
Der Görg da sprach so manches Wort,
Das mich beschäftigt fort und fort.
Ein voller Mann! er steht so fest,
Ob Gott ihn und Natur verläßt. -
Nun will ich in die Nacht hinaus,
Zu laben mich am Sturmgebraus.

(Geht ab)

Hans
Seht nur den Kurt an, wie er tollt!
Er dreht die Dirne unter Küssen,
Er drückt sie jubelnd an das Herz,
Und stampft die Erd', ob er sie wollt'
Wegstoßen unter seinen Füßen
Und jauchzend fliegen himmelwärts.

Kurt
O schönes Kind! so tanzt' ich ewig gerne!
O süßes Kind! dich lieb ich ungeheuer!
O könnte doch mein wildes Liebesfeuer
Zusammenschmelzen uns zu einem Sterne,
Der freudestrahlend durch die Himmelsweiten
Hinraste tanzend alle Ewigkeiten!

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Poem Submitted: Tuesday, May 22, 2012



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