Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Prolog an die Unbekannte - Poem by Anton Wildgans

Wenn abendlich geliebte Lampenhelle
Den ernsten Umkreis später Rast begrenzt
Und von den Borden dämmernder Gestelle
Gedämpftes Gold der Bücherreihen glänzt,
Berührt mich oft die geisterhafte Welle,
Die Sinnenkraft zum Übersinn ergänzt,
Und ahnungsvoll bin ich in solchen Stunden
Euch Unbekannten durch Magie verbunden.

Wer seid ihr Fremden, die mich tiefer kennen
Als mancher Traute, der mich schaut und spricht?
Wer seid ihr Dunkeln, die an mir entbrennen
Wie Sehnsucht nachts an einem fernen Licht?
Wer seid ihr Lauten, die mich werbend nennen,
Ihr leise Wissenden um ein Gedicht,
Für die, aus Lieb- und Leidesasche glimmend,
Mein Fünkchen Wahrheit tröstend und bestimmend ?

Und wer bin ich? Vielleicht aus euren Lungen
Gesammelt nur ein Odem, der beseelt?
Bin ich der vielen ungelösten Zungen
Die Rede nur, die ihr mir anbefehlt?
Bin ich nur Wehruf eurer Kreuzigungen,
Nur Klarheit dessen, was sich euch verhehlt?
O wie ein Auge, streng auf mich gerichtet,
Forscht ihr in mir und heischet und verpflichtet!

Geheimnis diese Macht vom Kern zum Kerne,
In fremdem Schicksal dies Bedeutsamsein!
Als wirkten weltverstreute Brudersterne
Einander fühlend und bedingend ein,
Als wären keine Körper, keine Ferne
Und wir noch unzerteilter Widerschein
Des großen Vaterlichts, das wir verloren,
Als uns ein Weib zur Finsternis geboren ...

Schwül ist die Nacht, in dumpfes Wipfelrauschen
Entschlummert schon der Vorgewitterwind!
Nun ruht die Luft, und dunkle Wolkenbauschen
Verhängen stumm die Sterne, die noch sind.
Ein Atemhalten und gebändigt Lauschen
Der durstgequälten Schöpfung! Da beginnt,
Verkündigend erquickungsreiche Feuchten,
Am Horizont erregtes Wetterleuchten.

Und jetzt Erlösung! Wie wenn Wehre brächen,
Die allzulang das Labsal rückgestaut,
Vergießt der Himmel sich in Freudenbächen
Und lacht dazu mit hellem Donnerlaut,
Bis über sattgetrunknen Wiesenflächen
Die ausgestirnte Wölbung wieder blaut
Und wonnevoll aus Erden und aus Lüften
Lobopfer quillt von unsagbaren Düften ...

So litt auch Seele in bedrängtem Schweigen,
Denn herb war dieser Laufte Not und Streit,
Doch herber noch die Scham, Gefühl zu zeigen,
Wo jeder Harlekin der Menschlichkeit
In grellen Flicken, wie bei Jahrmarktsgeigen
Sein dürftig Ich in alle Ohren schreit
Und der Gemeinsinn nur sofern am Werke,
Als er den Sinn für das Gemeine stärke.

Da fiel ein Klang ein aus besonntem Räumen,
Von strenger Maße edlem Zwang betört,
Und lockte, seinem Träumen nachzuträumen,
Durch Tages Lärm und Wirrsal unverstört.
Und Gnade ward dies willig Sichversäumen
Und in der Zeit, da jeder sich empört,
Gegebner Ordnung fromm sich anzuschmiegen
Und dienend eignen Aufruhr zu besiegen.

Und aufgelockert Gottes Samenwürfen,
Ein Frühlingsacker, hingedehnt und groß,
Begierig, allen Segen einzuschlürfen,
Lag Seele wieder tiefstem Wirken bloß.
O wieder Gutsein, wieder Fruchten dürfen!
Schon regte sich geheimnisvoll ihr Schoß!
Und hingegeben anderm Sein und Sinne,
Ward sie der unverlernten Eignung inne.

Und so, ihr Brüder stummen Geisterordens,
Ihr dunkeln Augen, die ihr heischend schaut,
Geschah im Nachhall allgemeinen Mordens
Dies kleine Werk, das Demut aufgebaut:
Musik des Südens als Musik des Nordens!
Aus fremden Herzen fremder Menschenlaut,
Verwandelt und erhöht zur eignen Sache
Kraft Herrlichkeit und Macht der Muttersprache !


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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012



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