Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Unter der Stadt - Poem by Anton Wildgans

Knapp unter der Stadt,
in der die Paläste stehn,
Die Türme der Dome in Wolken greifen,
Wo blühende Zweige in Gärten wehn
Und alle die müßigen Schritte schweifen -
Knapp unter der Stadt,
in der die Autos jagen,
Die Frauen Seide und Glitzern tragen,
Wo in den Nächten durch goldene Säle
Auf Wogen von gepudertem Fleisch
Das Sinne verwirrende Gekreisch
Von heiteren Geigen niederprasselt -
Knapp unter der Stadt,
da sind die Kanäle!

Da sickern die Abwässer zusammen!
Was lüsterne Gaumen geletzt
Und mit prickelnden Flammen
Die Pulse gehetzt:

Lust, Reiz - geronnen zu Kot;
Was den großen Hunger gestillt
Von Millionen Magen,
Gekaute, verdaute Not:
Brot -
Brei und Jauche jetzt,
Dampfender Gischt, Gestank!

Dort in ewiger Nacht,
Schacht an Schacht,
Bei eklem Fraß und Begatten
Hausen die Ratten!
Dort im Sickern und Stauen
Schleimiger Gemenge
Brüten und brauen
Die Miasmen,
Steigen und drängen
Die bösen, typhösen
Dünste durch Rohre und Schläuche,
Nisten sich in Lungen und Bäusche,
Werden Fieber und werfen nieder
Wehrlose Glieder,
Und aus den Gittern der Kanäle,
Aus Grundwässern und Brunnen,
In die der Abhub gedrungen,
Reckt sich die Seuche!...

Aber der Strom, der heilige Strom
Nimmt alles auf
In seinen silbernen Lauf!
Kaum, daß ein Schauer,
Ein gelblich-grauer,
Über sein ewiges Antlitz geht.
Jenseits der Brücken
Fließt er in rauschender Hehre,
Spiegelnd goldener Wolken Saum,
Zum Meere -
Und alles war Traum.


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Poem Submitted: Thursday, May 31, 2012



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