Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Vision - Poem by Anton Wildgans

1.
Das Weib trat in des Mannes Traum und sprach:
Nun musst du mein sein - erlöse mich!
Denn meine Wunden bluten - und all die Schmach
an diesem Körper kam durch dich.
Sieh dieser Schwären Gift, das meine Brüste
für deiner Kinder welke Lippen verseuchte,
sieh diese Augen, denen dein Gelüste
den himmlischen Widerschein entscheuchte!
Und waren sie nicht wie Brunnen tief,
auf deren Grunde das Wunder schlief
in kindlicher Tränen heiliger Feuchte -?

Oder war ich nicht rein, da ich einst dir begegnet,
wie reifender Früchte heimliches Fleisch,
das, in der Schale geborgen und keusch,
mit Süße die starke Sonne gesegnet?
Gebar ich dir nicht Kinder hold und stark,
starb je die Flamme an deinem Herd?
Und wenn du vom Siege heimgekehrt,
erneute mein Kuss dir nicht Blut und Mark?

Das war, da noch die Tat dich gereizt,
und trägen Blutes schwelende Glut
noch nicht dein dumpfes Gehirn überheizt
und Träume braute, Schlaftrünke dem Mut.
Das, war, da du noch jäh und wild
den Versucher an deinem Weibe erschlugst,
nicht deine Schande mit Lächeln trugst
und dich auf den Weisen hinausgespielt!
Und dann, als deiner entnervten Hand
das Spielzeug, die Puppe sich entwand,
dich knechtete, den seine Gelüste geknechtet,
wie hast du schaler Tor da gerechtet,
weil sie verlachte, was feig und entmannt!
Und Weib war dir Sünde und Liebe Schuld
und Tugend Verzichten und Mut Geduld.

Zwar hob Er vom Boden nicht den Stein
gegen des Hauptmanns verirrtes Weib,
aber wo blieb mir Sein brünstiger Leib.
Sein Leib aus zuckendem Elfenbein!?
Habe ich nicht mit Tränen mein
Seine Füße gewaschen, wund und bar,
und sie getrocknet mit meinem Haar,
mit meinem weichen, duftenden Haar.
Und Er, nur um nicht mein zu sein,
wie trug Er die Dornen mit grausamen Stolz
auf Seinem blutüberrieselten Haupt
und gab dem fühllosen Schächerholz,
als die Ihm schon den Mantel geraubt -
nur um nicht mein zu sein -
Seine zuckenden Glieder aus Elfenbein,
und ich - ich hatte geliebt und geglaubt - -

Und in des Mannes Traum das Weib gebot und sprach:
Nun musst du mein sein - erlöse mich!
Denn diese Wunden bluten - und von all der Schmach,
so mir durch dich geschah:
Das Weib ward nicht erlöst auf Golgatha -!

2.
Und da erwachte der Mann und ging
und suchte das Weib.


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Poem Submitted: Thursday, May 31, 2012

Poem Edited: Thursday, May 31, 2012


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