Eduard Duller

(18 November 1809 – 24 July 1853 / Vienna)

Des Welfischen Pfalzgrafen Heinrich Abendruhe. - Poem by Eduard Duller

Auf hohem lustigem Söller - sein Thron im Neckarthal, -
Da saß der Welfen Pfalzgraf, Herr Heinrich, froh beim Mahl
Und hob den goldnen Becher und sah hinab mit Lust,
Wie sich der Pfalz mit Inbrunst der Rhein schmiegt an die Brust.

Und sah dann gegen Himmel und wieder auf das Land,
Das Alles ist sein eigen, was rings sein Auge fand!
Doch plötzlich denkt er trüber des Welfenruhms zurück,
Er denkt des alten Löwen und bange für's alte Glück.

Jetzt schaut er auf die Tochter, die ihm zur Seite steht,

Von holder Scham geröthet, von süßem Reiz umweht,
Das blaue Kleid umringet des Gürtels goldner Glanz,
Ihr blondes Haar durchschlinget ein blauer Cyanenkranz.

Ihr Auge so klar und freundlich, so mild und ernst zugleich,
So anspruchslos bescheiden - und doch wie überreich!

Sie schenkt dem alten Manne vom besten teutschen Wein
Aus feingetriebner Kanne zum silbernen Schoppen ein.

Und mit Behagen blickt sie der Vater lächelnd an:
„Hätt' ich auch keine Grafschaft, - ich wär ein reicher Mann!
's ist doch die Lieb' auf Erden ein unschätzbares Wort; -

Mein Bruder, Kaiser Otto, hat keinen bessern Hort!"

„Wie lächelt uns rings im Frieden das Land so lieblich an,
Wie zieht der Strom danieden so klar die blaue Bahn,
Wo goldne Aehren wogen und mit den Häuptern nicken,
Als dankten sie der Sonne für Vollkraft und Erquicken!"

„Die Sonne scheint ja wärmer und leuchtet doppelt schön,
Auf friedliches Gelände herab von ihren Höh'n,
Die Sterne funkeln reiner und frömmer im Azur,
Als wenn sie Haß bescheinen auf blutgedüngter Flur!"

„Wie hell zu meinen Füßen, im goldnen Abendschein,

Die Städte friedlich grüßen bis fernhinab am Rhein!
's ist großer Feierabend! - Das Leben geht zur Rast,
Der Schlaf sucht still die Herberg, ein süß gebetner Gast!"

„Ihr Burgen und ihr Städte! Ihr Felder und ihr Au'n,
So weit euch kann der Herrscher mit Vaterblick erschau'n,

Mög' Friede nie euch lassen, mögt ihr ihn immer hegen,
Dann will ich gern erblassen! - Das ist mein Abendsegen! -"

Kaum hat's der Fürst gesprochen , wird's unten laut im Schloß,
Es schallt wie Hufgeklapper von manchem tüchtigen Roß. -
„Wer kommt so spat?" - ruft Heinrich. - „Sieh zu mein Töchterlein,

Und ist's ein Gast, nach teutschem Brauch soll er willkommen seyn!"

Die Tochter eilt geschäftig hinab die Wendelstieg';
Da hört sie plötzlich rufen von hundert Stimmen: „Krieg!" -
Ein Herold hält zu Rosse, mit Reichsfarb' angethan,
Stolz, königlich zu schauen, der schönste teutsche Mann!


Vom Haupt in reichster Fülle die braune Locke wallt,
Sein Blick, siegreich erobernd, bezwingt mit Allgewalt;
Hochfürstlich, wie ein Gebieter, steht er im Schlosse da
Und spricht, wie er am Söller den Welfengrafen sah:

„Aus ist's mit Eurem Herrschen, Pfalzgraf, in diesem Land!

Das spricht zu Euch der Kaiser! Ihr seyd vom Reich verbannt!" -
„Wie? sendet dies der Kaiser? Ihr seyd bei frohem Muth! -
Der Kaiser ist mein Bruder, und meint es stets mir gut!"

„Ihr sprecht, so wie's gewesen;" - versetzt der Herold drauf, -
„Herr Otto liegt im Banne; - mich schickt ein Hohenstauf!

Es ist der zweite Friedrich, der Euch entbeut dies Wort,
Die Pfalz ist Ludwig von Wittelsbach verlieh'n auf
immerfort! -"

„Mein ist die Pfalz nach Rechten!" - grollt nun der alte Graf -
„Laßt uns im Krieg drum würfeln, und sehn, wer minder traf;

Zwar lieb' ich Frieden wahrhaft, doch führ' ich auch das Schwert;

Pfalz! Pfalz! beim ewigen Himmel! Du bist des Kampfes werth!" -

„So rüstet!" - donnert der Herold - „Wir zwingen das
Geschick!
Kampf sey's auf Tod und Leben! -" Da trifft ihn der Jungfrau Blick,
Da sinkt, im Zorne gehoben, der Arm ihm wie gebannt -
Fort trägt ihn der schäumende Rappe. - Sie sinnt ganz unverwandt.


Der Besuch.

Es braust herauf vom Thale, es saust durch den Eichenwald,
Ein dumpfes Waffenklirren herauf zum Schlosse schallt;
Bang sorgend um den Vater, dort in des Treffens Reih'n,
Sitzt Agnes, die schöne Welfin, im Garten bleich allein.

Sie stützt das Haupt aufs Händchen; das Herz ist ihr so schwer,

Sie sieht im Geist nur Einen, sonst ist die Welt ihr leer;
Sein Aug', sein Gang, seine Rede, sein edler Fürstenglanz,
Das nahm die armen Sinne der Maid gefangen ganz.

Und wie sie sieht und denket, steht's plötzlich jetzt vor ihr,
So sonnenhell und leuchtend! - kein Sinn betrügt sie hier -

Ein Mann in voller Rüstung, dem jungen Kriegsgott gleich
An Schönheit, Kraft, Blick, Haltung - an aller Hoheit reich.

Sie hält die Hand vor's Auge und blickt ihn bangend an,
Das Herz, es will nicht schweigen, wenn's auch die Lippe kann;
Sie sieht, kann's doch nicht glauben, und sieht's doch wieder klar:

Was ihre Träume sprachen, der Morgen macht es wahr.

Der Ritter aber neiget sich ihr mit Bescheidenheit:
„Ob Ihr, o süße Herrin! dem Kühnen wohl verzeiht? -
Als ich zuerst Euch schaute, da sprach es laut in mir:
Die Eine vor allen Andern ist teutscher Frauen Zier!"

„Da ward's mir klar im Herzen, wozu dem Mann die Kraft;
Euch zu verdienen schwor ich den Eid der Ritterschaft.
Was gilt Gefahr und Streben, darf ich dich wiederschauen,
Um deine Huld zu werben, Du Schönste aller Frauen!"

Die Jungfrau, stumm erröthend, den Blick zur Erde kehrt. -

„Senk' nicht die edle Stirne, du, aller Kronen werth!
Jungfräulich holde Rose, wie deine Wangen glühn!
Als Königin der Blumen erheb' dein Antlitz kühn!"

Die Jungfrau lächelt milde, sie reicht ihm still die Hand,
Als ihrer Gegenliebe geweihtes Unterpfand. -

„Nun, so vernimm, du Holde, was noch mein Mund nicht sprach:
Ich, jener Waffenherold, bin Sohn des Wittelsbach!" -

„Ein Wittelsbacher bist du? - Weh mir, ein schlimmes Wort!
So sind wir streng geschieden, so mußt du schleunig fort!
Gott, wenn sie hier dich finden, sie schonen deiner nicht,

Ob auch darob mir Armen das Herz vor Sorgen bricht!" -

„O weine nicht, Geliebte! Und ob mir auch zum Krieg
Die Welt entgegenzöge - Dein Lieben gibt mit Sieg!
Noch immer Thränen, Agnes? O welch ein kostbar Gut!
Wer möchte nicht vergießen um sie das Herzensblut?

Zwar gegen Deinen Vater ist nun gelähmt mein Arm -
Horch! die Drommete schmettert! Auf, in der Feinde Schwarm!
Dein Nam' ist meine Losung! Er feiet meinen Stahl;
Leb' wohl du süße Herrin! - Leb' wohl viel tausendmal!"

Der Abschied.
Am Brunnen dort im Schloßhof, voll kühler Labefluth,

Ein Pilger jung von Jahren, wie wandermüde ruht;
Zu manchem Fenster schaut er mit Sehnsuchtsblick empor,
Nach mancher Pforte lauscht er mit aufmerksamem Ohr.

Da wandelt bleich, beklommen, vom stolzen Grafenhaus,
Die schöne Welfentochter zur Gotteslust heraus,

Setzt sich auf's Marmorbänklein, nah bei dem kühlen Quell'
Und singt ein altes Liedchen, drein stimmen die Wellen hell.

Aus ihrem Busen ringt sich dann mancher Seufzer schwer,
Ihr Auge schweift, wie suchend, mit feuchtem Blick umher,
Aus ihren Locken nimmt sie das Kränzlein frisch gepflückt,

Und aus dem Kranz die Blüthen, bis daß er war zerstückt.

Dann senkt sie still das Köpfchen und legt die Händ' in Schoos,
Das Herz ist ihr beklommen, das Leid ist ihr zu groß,
Sie denkt der Schlacht und Otto's - von Schmerzen überschwillt
Ihr liebend Herz, ihr Auge von Thränen überquillt.


Da tritt der Pilger näher und rührt sie leis am Arm,
Und wie nach ihm sie wendet das Angesicht voll Harm,
Bebt sie zurück erschrocken - doch gleich, mit banger Luft
Erkennt sie den Geliebten und sinkt ihm an die Brust:

„So müssen wir uns also, mein Otto, wiedersehn,

Wenn unsrer Hoffnung Sterne in Sturmesnacht vergehn!" -
„Nur einen Kuß begehr' ich - rasch muß ich wieder fort,
Verrath und Mord umzingelt mich hier an jedem Ort!

Wohl ist die Schlacht geschlagen, doch unser Sieg dahin,
Das sind der Bayern Schaaren, die dort im Thale fliehn,

Mein Vater Ludwig selber, gefangen in der Schlacht,
Wird von dem Deinen, Agnes, in strenger Hut bewacht. -"

„Und mußt du eilig flüchten, so denk' an mich manchmal,
Gedenk' an meine Liebe und namenlose Qual -
Denk', daß ich Dir nur lebe - kann's ja nicht ohne Dich!

Und wenn mein Herz gebrochen - denk' manchmal noch an mich!" -

„O Agnes, süße Herrin! Laß noch der Hoffnung Raum,
Auch dieses Leid wird schwinden, gleich einem bangen Traum!
Wir scheiden nicht auf ewig, ein Wiedersehn giebts noch,
Das Leben ist nicht das Höchste, die Lieb' ist drüber hoch!

Doch, hilft mir Gott, so schwör' ich, so wahr die Sterne sich drehn,
Daß ich Dich will noch einmal und herrlich wiedersehn;
Was noch im Bayernlande von kühnen Männern lebt,
Die biet' ich auf zum Kampfe - was noch die Klinge hebt!

Und beim dreieinigen Gotte und meiner Ritterschaft!

Den Vater will ich lösen aus seiner düstern Haft,
Und an demselben Tage, der seine Freiheit schaut,
Führ' ich Dich heim nach Bayern als herzogliche Braut!" -

Doch kaum hat er's geschworen, faßt ihn der Pfalzgraf an,
Der leis herbeigeschlichen: „Halt ein, du stolzer Hahn!

Nimm Deinen Eid zurücke, denn der wird nie vollbracht;
Folg' mir, Du kecker Freier! - Du bist in meiner Macht!"

Der Gefangene.
In hoher, enger Kammer, von Welfen streng bewacht,
Steht Ludwig, Bayerns Herzog, gefangen in der Schlacht,
Er sieht durchs Gitterfenster hinaus ins freie Land,

Wie fühlt er sich gezogen von seiner Sehnsucht Band!:

„Wie frei die Lüfte sich regen, dort außen vor meiner Haft,
Wie frei die Aeste schwanken in reifend rüstiger Kraft!
Das Vögelein schlägt an's Fenster, als neck' es mich ob dem Bann,
Drinn ich hier muß verkümmern als ein geschlagener Mann!


O Freiheit, süße Freiheit! Des Lebens bester Theil!
Du aller Wesen Sonne, Du aller Kräfte Heil!
Den Schwachen schaffst du zum Riesen, den Sterbenden gesund,
Und ich darf dein nicht genießen auf eignem Land und Grund!"

Inmitten seiner Klagen tritt stolz der Pfalzgraf ein

Und ruft: „Verwegner Streiter! wer nennt die Pfalz setzt sein?
Du wolltest Alles mit rauben, was Gott mir zugetheilt;
O Ludwig, Bayernherzog, das war doch übereilt!

Der Fürsten Loos auf Erden, es liegt in Gottes Hand,
Drum wollt' ich nicht verzagen, drum stritt ich um mein Land;

Doch als dein Spiel verloren, warst du selbst noch so blind,
Mein Liebstes mir zu verlocken durch deinen Sohn: - mein Kind!

Ich hab' auf Erden wahrlich kein köstlicheres Gut,
Als meine Tochter Agnes, die Letzte vom Welfenblut,
Sie, die mir mehr als Alles, als Ruhm und Leben gilt,

Die war mir auch zu rauben Dein kühner Sohn gewillt;

Und als ich dies vernommen und als ich dies erkannt,
Gelobt' ich zu vereiteln, wornach er heiß entbrannt;
Er schwor, dich zu befreien und mir mein Kind zu nehmen,
Da müßt' ich alter Weißbart mich ja zu Tode grämen!

Drum, was er auch geschworen - fürwahr, er thut es nie!
Er wollte Agnes rauben; nun denn, ich geb' ihm sie!
Er schwor, Dich zu befreien - ich selber geb' Dich frei!
Und willst Du Freund mir werden - schlag ein, ich bin dabei!

Denn sieh! im Treffen mitten, da sann ich dies bei mir:

Ich sterb' des Stammes Letzter, und laß' als Erbin hier
Die einz'ge Tochter Agnes! Warum fließt teutsches Blut?
Eint sich die Pfalz mit Bayern, - dann hat sie's, denk' ich, gut! -"

Da sinkt der Wittelsbacher dem Welfen in den Arm;
Er drückt ihn an den Busen recht männertreu und warm,

Da tritt die Jungfrau schüchtern und kühn ihr Freier ein, -
„Macht Hochzeit" - ruft der Pfalzgraf - „zu Straubing soll sie seyn!"

Und als sie Hochzeit hielten bei Saitenspiel und Tanz,
Bei goldnen Weines Perlen in goldner Kannen Glanz,
Der Herzog hob den Becher: „Hoch Pfalz und Bayerland,
Kein Feind mehr sey der Brecher von solchem edlen Band!"


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Poem Submitted: Saturday, May 19, 2012

Poem Edited: Saturday, May 19, 2012


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