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Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Zwiesprach


Herr in der Wirrnis dieses Daseins gib
Mir einen Menschen, einen! Aller Trieb
In mir verdorrt sonst, alles Licht verschwelt,
Und tastend in der ungeheuren Nacht,
Von Träumen und Gesichten müdgequält,
Vergehe ich vor Deiner Übermacht.

Ich bin mit meinen Träumen zu allein.
So nimm sie lieber und verhäng das Licht
In mir, wenn Du den einen nicht
Mir geben willst. Denn ohne Widerschein
Auf einem Menschenangesicht
Bin ich nicht stark genug, zu sein.

Wozu ist diese Seele eingehaucht,
Die ordnet und bewahrt, was flüchtig je,
Wie Vogelschatten über einen See
Im Fluge gleiten, in sie eingetaucht -
Wozu ist diese Seele eingehaucht - ? -
Sieh deine Tiere, Herr. - Muß sie mein Traum
Denn nicht beneiden?! Angehäufter Qual
Sind unsre Sinne voll, gedankenfahl
Die Stirnen uns, für die Dein Weltenraum
Unendlich ist, nur weil ihn eine Zahl
Nicht ausdrückt.

Doch deinen Tieren ist ein Baum
Noch eine Welt, ein Sonnenstrahl!
Und wenn es Nacht wird, hebt das leise Reh
Behaglich sich von kühler Blätterstatt,
Hintrollend, wo des Mondlichts zarter Schnee
Auf Blumen liegt und würzig-süßem Blatt.
Oh stilles Äsen, arglose Gebärde
Des schlanken Halses, innig hingebeugt
ins feuchte Gras, in Tau und Duft der erde,
Indes der starke Bock, der Herr der Herde,
Daß er des Friedens tiefer inner werde,
Das Haupt erhebt und in die Ferne äugt.

Und wir, was haben wir statt dessen, wir?
Ein trüber Gott der Geist, dem dumpfen Tier,
Das Fleisch heißt, angeschmiedet - unser Leib
Krank am Bewußtsein - Mann und Weib,
Getrennt durch Welten, aber immer wieder
Einander hetzend in verkrampfter Glieder
Fragwürdige Gemeinsamkeit und Lust.
Die Einsamkeit als das, was Wunder tut,
Erkennen wir und werden durch das Blut
In uns getrieben, niedriger Geselligkeit,
Liebloser, in die Arme.

Da leben wir und bauen Herd an Herd
So nah einander, daß des Pflügers Schweiß
In Nachbars Furche fällt, und keiner weiß
Vom anderen, was ihn zu tiefst beschwert.
Und in den Städten, so Du übers Land
Gebracht wie eine Krankheit und wie Brand,
Der um sich frißt in das Gesunde der
Wiesen und Saaten - wie in einer Wunde, Herr,
Nisten wir da, Schicksal an Schicksal, Wand an Wand.

Und alle sind wir in der Stunde der
Prüfung allein - und wie die Hunde her
Hintereinander, wenn es gilt, Gewinn
Und Vorteil zu erjagen oder Lust!
Da brechen die Gesetze ein zu Wust
Und Wirrsal ohne Kraft und Sinn
Und leihen sich zum feilen Bunde her
Dem Stärkern, und die Schwachen mäht es hin.

Aber die Liebe führen wir im Bunde, Herr - !

Ich bin so wirr, Herr, weiß es. Stammeln nur
Kann ich, weil es zu viel ist, was sich mir
Entringen will. Ich bin ja doch mit Dir
So selten im Gespräch, ich Kreatur
Mit Dir! - Gib diesmal eine Spur,
Ein Zeichen, daß ich weiß - Denn alle Qual
Hast du auf mich gehäuft, mitleidend sie
Zu sehn, in Worte einzufassen sie -
Heilloses Können - Worte sind so schal!
So gib mir einen Zauber wider sie -

Die Menschen sagen Arbeit - Ist es dieses,
Wirklich nur dieses? - Wälzt denn nicht
Mein dürstendes Gehirne täglich schwer
Den Steinblock von der Tür des Grabverließes?!
Und immer fand ich Christi Grab schon leer.
Und ist denn jenen andern Arbeit mehr,
Als daß sie festverbissenen Gebisses
Täglich vergeuden sich an ein Gewisses,
- An Ungewisses glauben sie nicht mehr -
Bis ihnen Schweiß, der in die Augen rinnt,
Das Licht verklebt und sie erblindet sind.

Ich will nicht rechten, Herr, ich bin ja nicht
Besser als andre. Nur in mir dies Licht,
Von Dir dies Licht verzehrt mich alle Tag
Und Nacht - So lösch' es aus, ein leiser Schlag
Von deiner Hand reicht hin, daß es zerbricht.
Oder gib einen, dem ich meine Glut und
Liebe aufladen kann wie eine Pflicht,
Einen, der starke Schultern hat, der tut und
Nicht Worte macht! Und ich will ihm Gesicht,
Gehör will ich ihm sein und Blut und
Wille, und all mein Werk sei sein!

Denn ohne diesen, Herr, ist mein Gedicht
Tönendes Erz nur und das Ungeheure
In mir, daß auf zu Deinen Sternen zeigt,
Wird Stein in mir, wird Stein -
Gott schweigt.

Submitted: Thursday, May 31, 2012

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