Monday, August 19, 2019

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Warum ist sie in die Neue Welt gekommen? Diese Mumie; Schauobjekt.
Sie liegt da, herausgeputzt, in graues Leinen gehüllt:
vorgestelltes Leben in einer Museumsvitrine.
Ich glaube, Mumifizierung wirkt der Unsterblichkeit entgegen,
niemals wird der Körper aufgehen in eine Blume.
Die Mumie hat sich die Emigration nicht ausgesucht,
all jene aber, die lange vor Botschaften angestanden
und Häuser in fremden Ländern gebaut haben,
träumen von der Rückkehr, wenn sie zur Leiche geworden sind.
Bringt uns dorthin,
so der letzte Wunsch, den sie ihren Kindern aufhalsen.
Als sei der Tod eine mangelhafte Identität,
die erst im Familiengrab Vollkommenheit erlangt.

* *

Auch hier grüne Bäume unter schwerem Schnee und Flüsse, an deren Ufern sich keine Liebespaare heimlich umarmen, sondern Sportler mit Hunden joggen am Sonntagmorgen, ohne zu merken, dass das Wasser vor Einsamkeit zu Eis gefroren ist. Dazu Einwanderer, nicht geschult in der Liebe zur Natur, die glauben, hier sei die Umwelt weniger verschmutzt und sie könnten ihr Leben verlängern, indem sie vorm Schlafengehen Sauerstoffkapseln schlucken.

* *

Warum können sie nicht vergessen, dass sie von drüben stammen?
Die gescheiterten Fremden,
sie trainieren ihren Gaumenmuskeln
den Akzent ab,
diese verräterische Erbkrankheit,
die unverhofft zutage tritt, wenn bei Ärger die Gefühle
in der anderen Sprache herausplatzen, unverpackt.
Der Akzent stirbt nicht,
Fremde aber sind hervorragende Totengräber,
sie heften an ihre Kühlschranktür die Namen der verstorbenen Verwandten, um sie nicht aus Versehen am Telefon zu verlangen.
Ein Viertel ihres Einkommens geben sie für Ferngespräche aus,
nur um den eigenen Aufenthaltsort zu ermitteln,
über die Entfernung zur Kindheit.
Warum können sie nicht vergessen?

* *

In nur sechs Schritten schreibt der Emigrant seiner Familie einen gelungenen Brief:
- Er wählt einen Zeitpunkt, an dem er sie nicht vermisst.
- Er kehrt der Straße den Rücken, Wände sind neutraler.
- Er verteilt seine Grüße gerecht.
- Er ruft sich Redewendungen in Erinnerung, mit denen er aufgewachsen ist und von denen er glaubte, er würde sie nie benutzen, wie: „Ich liebe euch so sehr wie es Sterne am Himmel und Sandkörner am Boden gibt" oder „Ich verzehre mich nach euch wie ein Durstiger nach Wasser, ein Kranker nach seiner Medizin, ein Fremder nach der Heimat".
- Er vermeidet, auf die Einzelheiten seines Alltag einzugehen, weil er nicht weiß, wie sie ausgelegt werden könnten.
- Er verwendet häufig die Floskel „Gott sei Dank", um unerschütterlichen Glauben zu demonstrieren.

* *

Was er hier gelernt hat, entspricht haargenau dem drüben Gelernten:
- Mit Lesen lässt sich die Wirklichkeit wunderbar verdrängen.
- Scham verbirgt man hinter derben Flüchen.
- Schwäche überspielt man mit langen Fingernägeln.
- Schlaflosigkeit lässt sich immer mit Rauchen vertreiben, hin und wieder hilft auch, eine Schreibtischschublade aufzuräumen.
- Man braucht drei Sorten Augentropfen, um die Sicht zu schärfen, dann genießt man die Blindheit. Das Größte aber ist der Moment, wenn sich die Lider über dieses bestimmte Brennen legen.
Hier wie drüben
scheint das Leben nur zu existieren,
um es aus der Ferne zu betrachten.

* *

Auf einem anderen Kontinent hast du bedauerliche Feinde zurückgelassen,
beim Gedanken an sie schämst du dich.
Nichts regt dich jetzt mehr auf,
hier begegnest du keinem klassischen Kommunisten,
in öffentlichen Bibliotheken hängt statt des Präsidentenporträts eine Uhr.
Wahrscheinlich ist es der reinste Alptraum, solch einen Tag unter Einfluss von Beruhigungsmitteln zu verbringen.
Nichts ist es wert, dagegen zu rebellieren.
Du bist zufrieden und tot,
das Leben um dich herum gleicht einer barmherzigen Hand,
die einem blinden Alten im Zimmer Licht anschaltet,
damit er die Vergangenheit entziffern kann.
...
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Iman Mersal
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Iman Mersal

Iman Mersal

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