Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Allerseelen - Poem by Anton Wildgans

Das waren grausam-schöne Sommertage
Und Abende von sanftem Perlenglanz,
Die Wälder rauschten leis, besonnte Schlage
Summten verwirrt von wilder Bienen Tanz.
Hell stand die Flur in goldenem Ertrage,
Und Märkte, Dörfer des geliebten Lands,
Wie hingestreute silberne Geschmeide,
Ruhten an Hügeln, glühten in der Heide.

Und manchmal war der Garten so versonnen
In seiner Bete blühendem Arom,
Im weiten Tal, vom blassem Dunst besponnen,
Umglommen Dächer einen greisen Dom,
Und dann, zu abendlichem Gold geronnen,
Verklärte sich so sehr der heilige Strom,
Daß alle Sinne, die den Frieden schauten,
Beklommen seiner Wirklichkeit mißtrauten.

Und jetzt ist Herbst. Ein Bachanal für Farben
Feiern die Wälder vor dem großen Frost.
Die Speicher sind gefüllt mit üppigen Garben,
Und in den Keltern gärt schon junger Most.
Über der Stoppelfelder Sensennarben
Geht schon der Winterpflug. O süßer Trost,
Daß unterm Schnee, der bald die Welt bebreitet,
Die Erde neues Fruchten vorbereitet.

Und doch ist rings Unsägliches geworden.
Die große Babel auf dem Scharlachtier
Zerstampft die Acker, stachelt ihre Horden
Zu Blutrunst wider uns und Neid und Gier.
Ein allgemeines fürchterliches Morden
Macht Meer und Land zum Menschenjagdrevier,
Und stündlich zur leibhaftigen Erfahrung
Werden die Schrecknisse der Offengarung.

Ein Traum, ein wirrer Traum! Und wir? Wir leben,
Schlendern durch Straßen, wandern über Moos
Und sehen müde Blätter niederschweben.
Und nehmen unser Kinder auf den Schoß,
Dürfen einander liebe Worte geben,
Und kein Tag ist so arm und freudelos,
Daß wir ihn nicht mit kleinem Dank beschließen.
Wir leben ja und dürfen fast genießen.

Nur weil in jeder Stunde, die uns eignet,
Und uns mit dieses Herbstes Glut umwirbt,
Für uns ein tapferer sich selbst verleugnet
Und fremdes Menschenglück für uns verdirbt.
Und weil sich tausendfacher Tod ereignet
Und jeden Augenblick ein Leben stirbt,
Ein blühendes, damit die Heimaterde,
Vor aller Angst und Not behütet werde.

Gedenkt der Toten! Dieser Tag der Schmerzen
War ihnen niemals noch so tief geweiht.
Ein funkelnd Meer von Millionen Kerzen
Entzünde sich an unsrer Dankbarkeit
Und grüße all die ewig stummen Herzen
Von unsrer Liebe und von unsrem Leid.
Wir können ihnen keine Blumen bringen,
So laßt uns sie beweinen und besingen.


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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012



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