Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Das große Händefalten - Poem by Anton Wildgans

Gewaltiger, dem alle sich befehlen
Und der auch unsrer Feinde Beten wägt,
Ein einzelner für Millionen Seelen,
Versuch' ich mich in Worten, schwer geprägt.

Und bin nicht mehr der abgewandte Dichter,
Der eigener und fremder Wehmut pflag,
Nein, eines Volkes Anwalt vor dem Richter,
Steh' ich vor dir an diesem Jüngsten Tag.




Du hast ihn uns herabgesandt auf Erden,
Daß alle Völker, die lebendig sind,
Gezählt, gewogen und befunden werden,
Und nichts mehr gelte, was nur Spreu im Wind.

Da nützt es nicht, zu deinem dunklen Walten
Emporzuflehn, daß es uns Sieg verleiht,
Nein, meines Volkes stummes Händefalten
Ist nur gerichtet auf Gerechtigkeit.

Du hast uns kein geringes Pfund verliehen,
Wir haben dieses Pfund vertausendfacht.
Durch unsern Fleiß zu schönstem Ernst gediehen
Ist aller Gegend schmeichlerische Pracht.

Vom ebnen Lande bis zum Gletschereise
Aufschäumt der Saaten goldgedrängte Flut
Und meldet sich zum Zeugen und Beweise,
Daß unsre unverdroßne Arbeit gut.

Jetzt, wo die freundlichen Geräusche schweigen,
Wird jenes große Regen erst bewußt,
Das sonst vom Aufgang bis zum Abendneigen
Dies Land erfüllt mit rüstger Schaffenslust.

Nun freilich ruhn die wirkenden Maschinen,
Das Feld liegt brach, die flinke Mühle steht,
Denn alle Hände, die da sind, bedienen
Nunmehr des Krieges heiliges Gerät.

Nur hie und da ein einsam Sensendengeln,
Ein Weib, ein Greis sticht müde Erde um,
Und deines Friedens schwergekränkter Engel
Geht weinend durchs verlaßne Heiligtum.

Wir hätten seine Tränen gern vermieden,
Wir lechzen nicht nach Menschenpein und Streit,
Denn was wir sind, sind doppelt wir im Frieden,
Und was wir können, blüht aus Heiterkeit.

Wir sind umwirkt von holdestem Betören,
Die Landschaft sänftigt jeden Sorgenblick
Und ladet ein zu süßem Ihrgehören,
Zu Wein und Liebe, Rührung und Musik.

Musik ist unsrer jungen Menschen Schreiten,
Musik, von allen Hängen jubelt sie,
Und selbst der großen Städte Nüchternheiten
Berückt die allgemeine Melodie.


Das macht das Leben wert, die Herzen weicher,
Die Sinne fein, das Urteil menschlich-mild,
Das macht den Künstler, macht den Österreicher
Und schafft aus Träumern Helden, wenn es gilt.

Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger
Die große Stunde der Geschichte wies,
Stand dieser Volk der Tänzer und der Geiger
Wie Gottes Engel vor dem Paradies.

Und hat mit rotem Blut und blanken Waffen,
Zum Trotze aller Frevelgier und List,
Sich immer wieder dieses Land erschaffen,
Das ihm der Inbegriff der Erde ist.

Erwäge dies in deinem dunklen Walten,
Unendlicher, der Schmach und Sieg verleiht!
Denn unser großes stummes Händefalten
Ist nur gerichtet auf Gerechtigkeit.

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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012

Poem Edited: Wednesday, May 30, 2012


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