DAS KIND Poem by VLADIMIR KOPICL

DAS KIND

Das Kind liegt in seinem Zimmer, kennt das Jahrhundert nicht.
Wacht es auf, trinkt es Wasser mit Zitrone. Die Zitrone
treibt in seinem Fläschchen, ein toter Planet: leblos,
zerschnitten, ausgepresst erfrischt sie doch das Kind
als wäre sie ein Katalog möglicher Väter. Niemand
versteht das, niemand liest es nach in einem Buch
oder von den Lippen ab: Zitrone macht die Lippen spitz
und ein Buch schließt die Jahrhunderte.

Das Wasser fließt, das Kind wächst ohne Unterlass. Es lernt
zu laufen, zu lesen und verlässt sein Zimmer
wie der Inhalt eines gelesenen Buchs für immer
in die Welt hinaustritt. Indessen ist auch das Jahrhundert
ausgewrungen, gedörrt wie ein Planet,
eine Ahnung von Frische treibt
am Bewusstsein vorbei.

Bald ist sie hier und wird - eine Spieglung im Glas - bald klar.
Nie ist sie wirklich: die Wirklichkeit
schläft in ihrem Zimmer.

COMMENTS OF THE POEM
READ THIS POEM IN OTHER LANGUAGES
Close
Error Success