Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Das österreichische Credo - Poem by Anton Wildgans

Euch singe ich, ihr künftigen Geschlechter,
Von denen, die schon fast vergangen sind,
Als ihrer einer, der ich bin: ein echter
Altösterreicher und ein Wiener Kind!

Klein bist du zwar, mein Vaterland, geworden,
Ein Baum, entblättert durch der Zeiten Sturm;
Sieht deine Grenzen jetzt nach Ost und Norden
Beinah der Wächter doch vom Stephansturm.

Und was da fiel, sind leider nicht nur Blätter,
Ab brach auch mancher engverwachsne Ast.
Doch immerhin, das Herzland deutscher Väter,
Der Stamm blieb zwar nicht ganz, doch blieb er's fast.

Er war's ja immer, den wir heimlich meinten,
Wenn unsre Lippe aussprach: Österreich;
Denn all die anderen mit uns Vereinten
Empfanden fremd, zum mindesten nicht gleich.

Wir aber fühlten diesen alten Namen
Wie Heiliges, aus dem ein Schauer weht,
Und Millionen Herzen schlugen Amen
Zu diesem Namen wie auf ein Gebet.

Von eben diesen Herzen will ich künden,
Nicht nur als Lober der Vergangenheit;
Sie hatten ihren Irrtum, ihre Sünden,
Wer hat sie nicht: welch Volk und welche Zeit?

Wohl wahr, sie schienen unbewegte Zecher
An ihren Tischen, schön und wohlbestallt;
Allein die Neige ihrer heitren Becher
War nie der Haß, ihr Rausch war nie Gewalt.

Sie trauten ihren Obern leicht wie Kinder
Und hielten Treu', selbst wo man sie verriet.
Je nun, die Treue ward darob nicht minder,
Vielleicht gerad darum zum hohen Lied.



Von Freiheit hörte man sie wenig schreien,
Und als sie kam, kam sie fast unverhofft;
Doch war sie nicht Gehorsam von Lakaien,
Wer innen frei, fügt sich nach außen oft.

Sie ließen ihre Waffen gerne rosten,
Brauchten als Zeichen: Kaiser und Altar.
Doch wo sie standen, hielten sie den Posten,
Selbst wenn der Posten ein verlorner war.

Sie lebten gern für sich und ihre Erben
Und freuten sich an ihrem Eigentum,
Doch wie zu leben, wußten sie zu sterben,
Und groß ist ihrer Leiden Dulderruhm.

Unendlich ist, was dieses Volk gelitten,
Erniedrigung, Verfolgung, Hunger, Leid —
Und trug es stark und trug's mit sanftem
Bitten In Stolz und Demut seiner Menschlichkeit.

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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012



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