Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

(28 February 1790 - 16 March 1862 / Javorník)

Der unbekannte Ritter - Poem by Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

Zwar hält die Fluth geschieden
Frankreich von Engelland;
Ein Meer ist zwischen beiden,
Sie trennend, ausgespannt;
Doch drohen sich die Blicke
Selbst über's weite Meer,
Und oft schwamm nach der Küste
Manch waffenstolzes Heer.
Viel Kampf ward dort gestritten
Am Ufersand; mit Macht,
Von Franken und von Britten,
Geschlagen manche Schlacht.
Wär' all' das Blut beisammen,
Das dort geflossen ist,
Ein zweites Meer entstanden
Wär' schon zu dieser Frist;
Und wären die Knochen getragen
Auf eine einz'ge Stätt',
Von allen, die dort erschlagen,
Einen Berg es geben hätt'! -


2.


Einst zog Carol, der König
Von Frankreich in den Streit:
Bertrand Guesclin, der tapfre,
Der Heeresmacht gebeut;
Die Britten, schön gewappnet,
Dem Heer entgegen stehn:
Die Rosse wiehern lustig,
Die stolzen Fahnen wehn;
Da sieht man Lanzen splittern,
Zerkrachen manches Schwert,
Zerspalten Helm' und Schilde,
Hinstürzen manches Pferd.
Viel tapfre Franken liegen
Entseelt im blut'gen Sand,
Umsonst! - Die Britten siegen,
Es hilft kein Widerstand.
Doch seht! ein einz'ger Ritter
Schafft wieder Bahn und Licht;
Wer ist der Mann, wer kennt ihn,
Der so verwegen ficht?
Bei Sankt Denis! es weichet
Dort, wo er steht, der Feind;
Der Tag wird noch gewonnen,
Der schon verloren scheint.
Wer ist der muthige Krieger?
Ist Keinem er bekannt?
Die schlechte Rüstung kündet
Nicht hohen Rang und Stand,
Es faßt die Oriflamme
Der löwenkühne Mann,
Und trägt sie, hochgeschwungen,
Den Schaaren weit voran!
Dort bricht er ein! - nach dringen
Die Tapfersten im Heer,
Man kennt aus Blut und Staube
Nicht Frank' und Britten mehr! -


3.


Zu leichter Stadt gereihet,
Erheben auf dem Plan
Sich, schimmernd, Frankreichs Zelte,
Die Arbeit ist gethan.
Die Feinde sind vertrieben,
Verbunden ist, wer wund;
Doch unbekannt geblieben
Ist noch zu dieser Stund'
Der Tapfre, der erfochten
So ruhmgekrönten Tag,
An den in späten Jahren
Frankreich noch denken mag.


4.


Seht auf des Zeltes Kuppel
Ihr jene Fahnen wehn,
Wo in dem weißen Felde
Drei goldne Lilien stehn?
Das ist das Zelt des Königs:
Die Heeresfürsten all',
Sie stehn um ihn versammelt,
Viel Helden allzumal.
Und mitten unter ihnen
Steht jener Rittersmann:
Und auf des Königs Fragen
Zur Antwort er begann:
»Erlaß, o hoher König,
Mir gnädig den Bescheid;
Ein Nam' entscheidet wenig,
Ein Degen viel im Streit;
Und hab' ich brav gefochten,
So fordr' ich deß zum Lohn:
O, König, hohe Herren!
Hört auf und schweigt davon! -«


5.


Und wie sie also sprechen
Im hohen Königszelt,
Graf Alençon verneigend
Sich vor den König stellt:
»Verlangt es Dich, zu wissen,
Wer hier der Edle sey,
Steh' ich, ihn zu enthüllen,
Mit einer List Dir bei.
Geheim ließ ich durchsuchen
Ihm sein Gepäck, da fand
Mein Knappe diesen Becher
Hier unter andrem Tand.
Ein Wappen ist gegraben
In's helle Gold; laß sehn,
Vielleicht wird hier wohl einer
Zu deuten es verstehn! -«
»Ihr seyd ja viel gereiset,
Herr Herzog von Nemours,
Nun, alter Herr, beschauet,
Vielleicht gibt's eine Spur!«
So spricht Carol und reichet
Den Becher lächelnd hin;
Der Herzog, lange forschend,
Hält und betrachtet ihn.
Dann spricht er: »Eine Wette
Setz' ich, ich hab' entdeckt
Den Mann, der in der schlechten
Rüstung sich hat versteckt.
Zu Oestreich unterm Walde
Sieht in die weiten Gaun
Man von der Berge Spitzen
Viel alte Burgen schau'n;
Doch eine steht, die höchste:
Dort sah, gehau'n in Stein,
Ich überm Thor dieß Wappen;
Kein andres kann es seyn.
Wohl manch ein Held und Sänger
Zog aus des Schlosses Thor,
Dieß Wappen auf dem Schilde,
Zu Sang und Streit hervor;
Gepriesen in allen Landen
Ist jener Heldenreihn;
Der Tapfre, der hier stehet,
Es ist ein - Liechtenstein!« -
Da bog der Held die Kniee
Und sprach: »Ich läugn' es nicht,
Dieß Wappen ist das meine,
Es ist so, wie er spricht.«
Drauf schloß in seine Arme
Der König den Rittersmann,
Und lauter Jubel, jauchzend,
Im Frankenheer begann.
Auf ihre Schultern heben
Die Ritter freudig ihn,
Und tragen ihn, ob er's wehret,
Durch's ganze Lager hin! -


6.


Zu Oestreich unterm Walde
Blickt noch die Burg hervor;
Auch jetzt ziehn wackre Helden
Zum Kampf aus ihrem Thor.
Und weil es stets wie Säulen
Gestanden im Gefecht,
War lange schon gefürstet
Das rühmliche Geschlecht. -
Drei Liechtensteine lebten,
Und leben noch zur Zeit,
Die nennt der Ruhm der Helden
Durch alle Heere weit:
Johannes heißt der eine -
Hut ab! wird er genannt!
Seit Männer Schwerter tragen,
Hielt keiner besser Stand.
Oft wohl hab' ich gesehen
Im Kugelregen dicht
Den Heldenfürsten stehen,
Und wo er stand, ward's licht! -
Fürst Aloys heißt sein Sippe:
Der hat aus jeder Schlacht
Sich eine neue Wunde
Und neuen Ruhm gebracht.
Als noch sein Bruder lebte,
Sah man sie stets zu zwei'n
Vorschreiten vor dem Heere,
Wie zween mordgier'ge Leun;
Doch der ist jüngst geschieden
Zum stillen Land hinab,
Ihm kühlt die edle Stirne
Ein Lorbeer - und das Grab.


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Poem Submitted: Thursday, May 24, 2012

Poem Edited: Thursday, May 24, 2012


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