Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Die Alte - Poem by Anton Wildgans

Sie ist nicht mehr. Es hat sich nicht viel geändert.
Eines uralten Herzens ganz leise Uhr blieb stehn,
einer Enkelin Augen sind leicht vom Weinen gerändert,
ein wildfremder Priester wird ihrem Sarg vorgehn.

Geschäftlich wird er das Miserere beten,
ohne Teilnahme segnen ihr offenes Friedhofsgrab.
Entfernte Verwandte werden nach ihm hintreten,
dann gleitet der Kasten still in die Grube hinab.

Die wenigen Sachen, die sie geliebt und besessen,
verlieren sich bald in fremdestes Eigentum.
Ein Mensch ist weniger da zum Trinken und Essen.
Ein Leid ist zu Ende, ein Maß ist vollgemessen,
ein Herz ist stumm und bald vergessen -
Wer kümmert sich drum?

Mich lehrte die Alte in dämmernden Tagen,
als ich ein Kind war und Mutterwaise dazu,
an einsamen Abenden das Vaterunser sagen
und „Müde bin ich, geh zur Ruh' -

Nun ist sie selber zur Ruhe gegangen.
Mögen sie Engel liebreich empfangen.
Ein Herz hat geschlagen, blieb stehen - Wozu?

Listen to this poem:

Comments about Die Alte by Anton Wildgans

There is no comment submitted by members..



Read this poem in other languages

This poem has not been translated into any other language yet.

I would like to translate this poem »

word flags

What do you think this poem is about?



Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012



[Report Error]