Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

(28 February 1790 - 16 March 1862 / Javorník)

Die Wanderungen des Ahasverus - Erste Wanderung III. - Poem by Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

So zog er hin, im Hauch der heil′gen Frühe,
In jenes Erdenleibes Kleid gehüllet,
In dem er unter Menschen einst gewallt.
Von süßem Hoffen war sein Herz erfüllet,
Ein voller, üpp′ger Brautkranz werde bald
Vor seinem Blick, mit reichen Blumenringen
Die frohe Welt umschlingen! -
So zog er hin, wo deine Lorbeerhaine,
In zauberischem, ewig jungem Grün,
Berauscht, o Rom, um deine Schwelle blühn;
Das Freudenlied der heiligen Gemeine,
Beglückter Herzen Dank, in frohem Chore,
Möcht′ er vernehmen mit entzücktem Ohre!

Doch als er weiter wallte seines Weges,
Hinschreitend auf der Spur versunkner Zeiten,
Die Säulentrümmer sah, die morsche Wand,
An die sein Netz des Epheus Ranke band,
Sich wild und dicht die grünen Reben breiten;
Als er die alten, edlen Kunstgebilde,
Um die noch ernst und milde
Der Bildner hoher Geist unsichtbar schwebte,
Im Staub erblickt′; der Brandstatt Asche fand,
Wo sonst vielleicht die heitre Villa stand,
In der einst Roma′s größter Bürger lebte;
Der Schutt noch glühte - sieh, da kam ein Zagen
In seine Seel′, und er begann zu klagen.


O Herr, mein Gott! Sind dieß des Glückes Spuren?
Ist dieser Brand des goldnen Friedens Zeichen,
Den mir Dein Mund als Sühnungspfand verhieß?
Wie, heil′ge Opferasche wäre dieß?
Sah man den Haß schon von der Erde weichen? - -
Was ist dir, Herz, daß Zweifel dich bewegen?
Nein, nein! Der Welt zum Segen
Ward ja das Blut auf Golgatha vergossen;
Ein Strahl der Liebe hat die weite Welt
Von Pol zu Pol mit seinem Glanz erhellt,
Ein Liebesstrahl, vom Himmel abgeflossen!
Wo wär′ ein Herz so felsenhart zu finden,
Daß diese Gluth nicht gnügte zu entzünden?

Und sey es auch, mag auch aus diesen Trümmern,
Geschwärzt vom Rauch noch kaum erloschner Gluthen,
Zerstörung schau′n, und öde, stumme Nacht;
Mag eben jetzt, vom Ost frisch angefacht,
Vor meinem Blick die Feuersäule fluthen:
Blaut nicht ein Wetter auf der Berge Spitzen?
Kann nicht von Himmelsblitzen
Verzehrt die Hütte seyn, die hier gestanden? -
Hier trägt der Mensch nicht Schuld, der Zufall nur!
Doch grünt das Feld, und üppig blüht die Flur,
Da ist Ersatz für den Verlust vorhanden.
Nein, nein! den Wolken nur ist Kampf beschieden,
Gott sandt′ die Liebe - auf der Erd′ ist Frieden.


Und tiefer ging er in des Waldes Dunkel,
Wo hoch vom Apennin geschwollne Bäche
Geschmolznen Schnee′s von Fels zu Fels herab,
Wildschäumend, niederrauschen in das Grab
Der Bergschlucht, jäh hinstürzend in die Fläche!
Kaum kann der Tag sich mühsam durch die Engen
Verschlungner Wipfel drängen,
Kaum hie und da der blaue Himmel zeigen!
Furchtbarer Schönheit ist die Gegend voll,
Und ob er zagen, ob bewundern soll,
Irrt ungewiß der Blick! Ein tiefes Schweigen
Macht düstrer noch die Oede, nur die Stimme
Des Wassers tobt empört, mit Donnergrimme!

Unfern der Bergschlucht und dem Wasserfalle
Hing eine Klippe, weit herab gebogen,
Als hätt′ des Felsens tiefen dunklen Schacht
Natur zum Haus dem Menschen hier gemacht;
Der Rasen bunt mit Blumen überzogen.
Die Bäume schützten vor des Tages Schwüle,
Und lieblich wehte Kühle;
Und wie am Sturzbach wild es war, zum Grauen,
So war′s hier mild und lieblich! Weichen Schall
Goß aus der Waldnacht süß die Nachtigall,
Und also friedlich war der Ort zu schauen,
Als hätt′ ihn holde Liebe wollen wählen
Zum glücklichen Asyl verbundner Seelen.


Und sieh! Ein Weib ruht auf dem Blumenlager!
Es schien zum Schlummer sorglos hingelehnet.
Das Haupt ruht auf dem schön geformten Arm,
Der junge Busen, weiß und voll, und warm,
Schien leisen Zugs vom Athem ausgedehnt;
Und um die lichten Marmorschultern quollen
Die dunklen Haar′, in vollen,
Anmuth′gen Ringen, losgebunden nieder!
Des Mondes wankend ungewisses Licht
Floß silberglänzend auf ihr Angesicht,
Das Ebenmaß der üppig schönen Glieder;
Und, als ob es dem Mutterarm entgleite,
Lag in dem Gras ein Kind an seiner Seite!

Ja Glück und Friede, ja, du bist gefunden!
Rief Ahasverus! - Fern hinweg geschieden
Ist von der Erde Haß, Verrath und Wuth;
Der Segen wohnt, wo Krieg einst war und Blut,
Ein Band der Lieb′ umschlingt die Welt hienieden!
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder!
Der Müde streckt sich nieder
Wo ihm zum Pfühl das Blumenbeet sich breitet.
Sorglos entschlummert er in Waldesnacht,
Kein Wall, kein Haus, kein Riegelthor bewacht
Den süßen Schlaf! Die Schlange selber gleitet
Gefahrlos hin! Das Thier der Wüst′ ist milde,
Wie wär′ allein der Mensch noch rauh und wilde!

Es zagt selbst nicht die scheue Mutterliebe;
Nicht ängstlich hält ihr Arm das Kind umfangen;
Sie weiß, ob wild auch, nah, der Bergstrom rauscht,
Daß doch Gefahr verräterisch hier nicht lauscht;
Sie schläft und läßt es schlafen ohne Bangen. -
O träume selig fort! - Aus sind die Leiden!
Mich aber laß zum Scheiden
Mit Geisterkusse segnend Dich berühren! -
Und niederbeugt er sich zu ihrem Mund -
Die Lipp′ ist kalt - kein Leben gibt sich kund -
Er faßt das Kind - kein Athem läßt sich spüren!
Am Hals, am Busen zeugen tiefe Wunden,
Daß hier der Tod den blut′gen Weg gefunden!

Da mit den Händen raffet er die Erde,
Und streut sie auf sein Haupt, und ruft mit Thränen:
Was ist geschehn, o Herr, in Deiner Welt?
Noch Blut, noch Krieg? - Mit eignen Händen fällt
Der Mensch den Menschen an! - Und ich konnt′ wähnen,
Er habe sich. nach langem trüben Irren
Dem Labyrinth, dem wirren,
Enteilt, zum Licht des Himmels hingewendet!
Weh meiner Seele! - Keine Sünde hat
vertilgt das heil′ge Bad!
Der Mittler kam, und nicht der Fluch geendet? -
So ist die angeborne Macht des Bösen
So mächtig, daß kein Segen sie kann lösen?


Doch kann vielleicht hier in des Waldes Grunde -
- Denn rings ist Dickicht und die Bergschlucht dort -
Kann nicht ein Wolf vom Hunger angetrieben -
O nein, nein, nein! Ein Mensch war′s, es ist Mord!
Ein Eisen ward in diese Brust getrieben!
Zu früh′ hab′ ich der Hoffnung Raum gegeben! -
Noch zwischen Tod und Leben,
Ein schreckend Mittelding, irr′ ich, und Grauen!
Noch ist an mir das Urtheil nicht erfüllt,
Noch ist der Weg zum Himmel mir verhüllt,
Und Gottes Antlitz werd′ ich noch nicht schauen! -
Furchtbar Geschick, wenn, ihrem Leib enthoben,
vergeblich sich die Seele sehnt nach Oben!


Und doch! wenn, fern von aller Menschen Auge,
Ein Bösewicht hierher den Weg gefunden,
Das Werk der Wuth, das er sich nicht getraut,
Wo ihn die Sonne Gottes angeschaut,
Vollbracht hätt′ in der Nacht unholden Stunden? -
Wie? - wär′s gerecht, wenn um den einen Schlechten
Die Guten, die Gerechten,
Für eine Schuld die Buße Allen bliebe?
Ein Fall stört nicht das allgemeine Glück,
Ein Mord bringt nicht den alten Krieg zurück,
Ein Tropfe Haß erlischt im Meer der Liebe! -
Die Wildniß nicht, laß mich die Regionen
Erst schauen, wo gesellt die Menschen wohnen!


Und mächt′gen Ganges schritt er immer weiter,
Verloren in betrachtenden Gedanken,
Hin in die Weltstadt Rom! - Im raschen Lauf
Stieg er den Berg des Capitols hinauf,
Deß hehre Trümmer noch nicht ganz versanken.
Er schaute nicht auf all die Herrlichkeiten,
Die aus vergangnen Zeiten
Von Wundern, selbst in ihrem Schutte, zeugen!
Ihm sprachen jene Ueberreste nicht,
So ruhmvoll einst, - die unter dem Gewicht
Der eignen Schwere allgemach sich beugen!
Nur das was ist, hält seinen Geist gefangen,
Nicht das was war, auf immer ist′s vergangen.


Und wie er steht, hoch oben auf den Zinnen,
Den Adlerblick hinsenkend, in die Weiten,
Da steht er, graunvoll, dunkelrothen Glanz,
Und dichten Rauch, und düstre Flammen, ganz
Den Horizont umziehend, sich verbreiten. -
Ein See von Wogen nicht, ein See von Gluthen
Scheint Adria zu fluthen,
Und mitten innen Aquileja ragen,
Indeß weithin durch′s Land von jenem Meer
Bis wieder zur Tyrrhenerküste her,
Ein Blutgewand der Himmel schien zu tragen.
Und um die Veste stand auf den Gebirgen
Ein mächtig Kriegsheer rings, erschöpft vom Würgen.

Und mitten innen hielt, seltsam geruhet,
Ein Mann, in fremden kriegrischen Gewanden;
Der also furchtbar aus der Menge ragt,
Daß nur mit Graun zu ihm der Blick sich wagt
Der Führer selbst, die dienstbar ihn umstanden.
Die Welt war er durcheilt im Siegesfluge,
Und wo auf seinem Zuge
Sein Blutpanier entrollt ward in den Lüften,
Da kamen, nachgezogen ohne Zahl,
Die Adler, gierig nach dem sichern Mahl,
Und alle Wölfe rannten aus den Klüften!
Wie schwarze Wolken war er her geschritten,
Und stand nun drohend in Italiens Mitten.

Und eine Schaar von Greisen im Gefolge,
Stand vor dem düstern bleichen Schreckensbilde,
Vor jenem Mann, deß Auge Tod schon war,
Im priesterlichen, faltigen Talar,
Der heil′ge Leo, ruhig, fest und milde! -
Den goldnen Hirtenstab statt aller Wehre,
Sprach, furchtlos vor dem Heere,
Der hohe Greis; und fromm, von Gott begeistert,
Trifft des gewalt′gen Wortes loser Strahl
Den Mächtigen, daß in der Brust von Stahl
Ein fremd Gefühl seltsam das Herz bemeistert! -
»Nicht weiter gehn sollst Du auf welscher Erde,
Als ich den Stab zum Ziel Dir setzen werde!


Der Heil′ge sprach′s, und bohrte in den Boden
Den Bischofsstab, dicht zu des Königs Füßen! -
Die Krieger sehn′s erstaunt, und zürnend drohn
Rings Spieß und Schwert; es soll den kühnen Hohn
In seinem Blut der Unerschrockne büßen! -
Und Attila blickt auf! - Da sieht er oben,
Als wär′s ihm nah, erhoben,
Vom Capitol den Geist des Wandrers ragen,
In furchtbar riesenmäßiger Gestalt!
Es weht sein Bart, sein Haar - sein Mantel wallt
Weit hinter ihm, vom Hauch der Luft getragen -
Und, wie ihr Licht fernhin Kometen strecken,
Schien in der Hand ein Strahl sein Wanderstecken.

»Der Todesengel!« - seufzt in seinem Geiste
Der König! - Sieh, und er erhebt die Rechte,
Zum sichern Schutz; und milden Tones wehrt
Er von dem Greise das erhobne Schwert
Der Seinen, das noch blutig vom Gefechte.
»Weg mit den Waffen! Traun aus seinem Munde
Kommt eines Größern Kunde! -
Nicht Roma′s hohe Stadt ist mir beschieden!
Gebt frei den Weg, und laßt ihn unberührt!
Du aber, den ein Gott hieher geführt,
Zieh unbeschwert, und ziehe hin in Frieden!
Kein Heer in Waffen hat mich überwunden,
Mein Wille nur hält meinen Arm gebunden!

So sprach der Hunnenfürst, und Alle staunten
Den milden Worten aus so rauhem Munde!
Welch Wunder ist geschehn, daß, ungewohnt,
Statt Blut und Tod, Verzeihn den Kühnen lohnt?
So fragten sich die Krieger in der Runde! -
Doch Attila, mit ernstem, trübem Blicke,
Schritt in sein Zelt zurücke;
Es scheint daß unwillkürlich seltsam Grauen,
Daß banges Ahnen seinen Geist umspinnt.
Das Heer bricht auf; nach langem Weg gewinnt
Es endlich wieder seiner Heimat Gauen;
Den Schlachtenmüden sollen holde Bande
Bald neu umwinden in dem Vaterlande.


Sohn des Geschicks! es ist Dein Tag gekommen! - -
Zu einem Feste steht das Heer geschmücket,
Auf goldnem Stuhle sitzt vor seinem Zelt,
Die Braut zur Seite, froh der Herr der Welt,
Deß Aug′ in ungewohnter Liebe blicket!
Es giebt ein Glück noch außer Ruhm und Kriegen:
Nach schwer erkämpften Siegen
Des Herzens Schlag an unsrer Wange fühlen,
Süß angelehnt an holde Frauenbrust;
Den Kuß der Purpurlippen, und die Lust,
Wenn zarte Händ′ in unsern Locken spielen!
Ethelka′s Blick, des schönen Busens Beben,
Scheint Glück für Glück, und Lust für Lust zu geben.

Geschäftig wird nun hinter Purpurwänden
Des reichen Zelts das Lager aufgerichtet;
Schon leuchtet lang der Sterne goldner Glanz,
Der Jubel endet erst, und Fest und Tanz,
Als schon der Morgen fern die Berge lichtet!
Und als die Dämm′rung flieht, die Morgensonne
Der Neuvermählten Wonne
Beleuchten will mit ihrem schönsten Strahle,
Die Decke, die das Zelt verborgen hält,
Endlich geöffnet, auseinander fällt -
Da steht entsetzt das Volk mit einemmale
Den König todt im Blut, und bleich daneben
Ethelka dort, doch fest und ohne Beben.


Geendet war dein Lauf, furchtbar Gestirne,
Deß blut′ges Licht damals die Welt beleuchtet!
Die Geißel Gottes lag dahin gestreckt;
Kein Zauberspruch der Magier erweckt
Den Leichnam, nun vom eignen Blut gefeuchtet!
Geheimnißvoll füllt ungewisse Kunde
Von seiner Todesstunde
Das Ohr der Welt, der großen Nachricht offen;
Und unentschieden bleibt′s und unbewußt,
Ob in dem Arm der Liebe und der Lust,
Ihn Gottes Strahl, Ethelka′s Stahl getroffen!
Man sah das Blut und seine dunkle Welle,
Verborgen aber blieb′s, wodurch es quelle!


Als nun die Seele war vom Leib getrennet,
Trug man den Leichnam hin zum Grabesfrieden,
Um auszuschlafen in der Erde Raum
Den wüsten, wirren, blut′gen Lebenstraum! -
Doch schien auch ihm nicht ew′ge Rast beschieden! - -
- - Noch einmal traun, sollt′ in dem Drang der Zeiten
Sein Geist die Welt durchschreiten,
Noch einmal sollt′ in dreizehn hundert Jahren
Er auferstehn in jenem Inselland;
Auf′s neu′ in einen Erdenleib gebannt,
Soll, daß er lebt, die bange Welt erfahren;
Und höher soll in jenen künft′gen Tagen
Sein mächt′ger Thron, als in den vor′gen, ragen!


Und wenn im Wahnsinn lang die Völker tobten,
Ein grausames Gelüst sie wild getrieben;
Wenn, um der Fürsten Willkür zu entgehn,
Sie in der Hand sich blut′ger Henker sehn,
Das Szepter schwand, und nur das Beil geblieben;
Und immer weiter goldne Freiheitssterne
Verglimmten in der Ferne,
Umsonst nach ihnen edle Herzen streben,
Und Meteore ihren grausen Schein
Verheerend werfen in die Welt hinein -
Sollt′ sich der Riese der Gewalt erheben!
Und beben sollt′ so manche Königskrone.
Und wanken selbst die festesten der Throne.


Und eine Geißel Gottes, sollt′ auf′s Neue
Er Könige zugleich und Völker strafen!
Der Erde stolze Häupter vor dem Wehn
Von seinem Athem bang und zitternd stehn,
Wie Damokles, nur unterm Schwerte schlafen! -
So sollt′ er stehn, gewaltig, unbezwungen,
Und hinter sich, geschlungen
An seines Wagens Rad mit ehrnen Banden,
Schleifen in Herrschertrunkenheit die Welt
Auf seiner Bahn, wie′s seinem Sinn gefällt,
Nicht fragend, wo einst ihre Gränzen standen!
Von allem Großen hochbegabter Seelen
Sollt′ eine Gabe nur, das Maß, ihm fehlen.


Und fühlen mag′s die Welt, bis Volk und Fürsten
Sich selbst gebannt in heilsam sichre Schranken;
Bis streng gewogen, endlich Pflicht und Recht,
Forterbend von Geschlechte zu Geschlecht,
Nicht irrend mehr aus seiner Bahn wird wanken! -
Er aber soll′ die Zeiten nicht mehr schauen;
Geschmiedet an den rauhen,
Umstürmten Meerkeil, lieg′ er hingestrecket! -
Nur der Okeaniden düstrer Schall
Hallt durch die Brandung, und der Wogen Schwall,
Ein furchtbar Lied, das selbst die Todten schrecket!
Dort soll er einsam seine Fesseln tragen,
Und sterben ohne Wort und ohne Klagen.

Doch wehe! wenn zum drittenmal er käme,
Wär′ jene blut′ge Lehre bald vergessen,
Und fing′ in unbezwingbar engem Wahn
Der Mensch auf′s Neu′ die alten Kämpfe an,
Zu jedem Frevel willig und vermessen!
Und traun, es scheint ein Kampf, der niemals endet,
Der Welt zum Fluch gesendet!
Das Blut der Herrscher, schmählich hingeflossen,
Hat nicht den Kitzel der Gewalt geschreckt;
Die Ströme, die die Völker rings vergossen,
Sie haben Maß und Eintracht nicht geweckt.
Was der Vertrag auch heiligt oder bindet,
Die Wuth zerstört′s, sobald sie Kräfte findet!


Und Sehnsucht faßt, der Schmerz der Todten, Jenen,
Der hoffend seinem Grabe war entstiegen,
Und eine Welt des Friedens glaubt zu schau′n!
Durch seine Seele fuhr ein tiefes Grau′n
Verzweiflungsbang! - »Wie soll die Liebe siegen,
Wenn Christi Wort nicht euern Sinn gebrochen?
Wenn fruchtlos Er gesprochen,
Wer soll die Bande eures Hasses sprengen? -
Blut floß, Blut fließt, und Blut, in dunkeln Wogen,
Wird fürder fließen! - Fort, hin in die Engen
Der tiefen Gruft! die Sonn′ erlosch; umzogen
Sind Mond und Sterne! Finster - Nacht, Nacht, Nacht
Deckt weit die Welt! - Ich bin zu früh erwacht.

Willst Du, o Herr, mich denn noch länger strafen?
Rief, rückgekehrt zum Grabe, Ahasverus,
Und blickte nieder in des Schlundes Grau′n!
Noch ist kein Glück zu schau′n!
Jehova, sprich, wie lange soll ich schlafen?


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Poem Submitted: Thursday, May 24, 2012

Poem Edited: Thursday, May 24, 2012


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