Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Ein Pfingstgedicht - Poem by Anton Wildgans

Immer noch brüteten ihre Gemüter
Ober dem ungeheueren Tag,
Da der Felsen, des Grabes Hüter,
Morgens neben dem Eingang lag.

Und sie betraten in ahnendem Jammer
Dumpfes Gewölbe und suchten nach ihm,
Aber sie fanden ihn nicht in der Kammer,
Nur die Stimme der Cherubim

Tönte, er wäre auferstanden,
Eingegangen in Herrlichkeit,
Sie aber sollten in allen Landen
Künden das Wunder der Menschenheit.

Daran erkannten sie ihren Meister:
Was er verlangte, war immer zu groß.
Ihre verschüchterten Alltagsgeister
Fühlten sich hilflos, geschlagen und bloß.

Arme Fischer und Tagewerker,
Eines Gehenkten verhöhntes Gefolg,
Unter dem Drohen der römischen Kerker
Sollten sie treten vor alles Volk:

Sollten bekennen, was keiner von ihnen
Glaubte: daß er erstanden war'.
Oh, sie wollten ja gerne ihm dienen,
Aber dieses, es war zu schwer!

Da erbebten auf einmal die Lüfte
Über den Häuptern der Jüngerschar.
War es die Stunde schon, da sich die Grüfte
öffneten, wie es verheißen war?

Saß er schon oben, zur Rechten des Vaters,
Haltend das fürchterliche Gericht,
Spien die Tiefen des Höllenkraters
Schon die verdammten Seelen ans Licht?



Aber da hoben die ängstlich Gedrückten
Blinzelnde Blicke und fielen aufs Knie,
Denn aus goldenen Brünsten zückten
Flammende Zungen hernieder auf sie.

Und sie schmeckten in ihren Mündern
Süßen Vorgeschmack des Martertods.
Und sie waren auf einmal Verkünder
Eines gewaltigen Liebesgebots.

Und sie gingen über die Erde
Ohne den Meister und doch nicht verwaist,
Und sie wurden die Hirten der Herde,
Psalmodierend dem Heiligen Geist.

Und sie priesen ihn noch in Fesseln,
Häuptlings verröchelnd in Kreuzigungsqual,
Unter dem Schwert und in siedenden Kesseln
Und geschunden am Marterpfahl.



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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012



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