Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Gerichtsverhandlung - Poem by Anton Wildgans

Aus dem Mist, den er durchsuchen mußte
Nach Abfällen von Kupfer und Zinn
In der Fabrik tagein tagaus,
Trug er drei Kilo Metall nach Haus,
Und nun stellten sie dieses grindig-verrußte
Fetzengerüst vor die Richter hin.

Der Zuhörerraum ist leer.
Niemand schert sich um diesen Fall,
Nur von der letzten der Bänke her
Wagt sich manchmal
Ein Räuspern, das mehr
Ein Schluchzen ist, in den Saal.

Der Angeklagte sagt auf alles „Ja" -
Der Verteidiger spricht von zwingender Not:
Sein Weib ist ihm durch nach Amerika
Und ließ ihm die Kinder, die schrieen nach Brot.
Da packte ihn die Verzweiflung wie Wut,
Und er griff an fremdes Gut...

Der Angeklagte sitzt und stiert,
Als ging' ihn das alles nichts mehr an -
In der letzten Bank der alte Mann,
Den auf der Brust die Medaille ziert,
Sperrt die Augen auf, was er kann.

Der Präsident scheint die pure Geduld
Zu sein, doch er denkt: Wohin kämen wir? -
Der Staatsanwalt zeichnet irgendein Tier
In das Löschblatt auf seinem Pult.
Der eine Votant wirft einen Blick
Nach der Uhr - dann zieht sich der Senat zurück.

Nach fünf Minuten ein Glockensignal -
Der Gerichtshof erscheint wieder im Saal.
Stille - Alles steht -
„Urteil im Namen Seiner Majestät - - -"

Der Greis in der letzten Bank vom Saal
Steht habt acht - dann mit einemmal
Wird er blasser, sein Blick verlischt -
Mit dem Handrücken wischt
Er sich was aus den Augen heraus ...
Die Verhandlung ist aus.

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Poem Submitted: Thursday, May 31, 2012

Poem Edited: Thursday, May 31, 2012


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