Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Heilige Nacht! - Poem by Anton Wildgans

Ihr werten Männer und liebe Frauen
Seid gekommen, ein Weihnachtsspiel anzuschauen,
Das mit kindlicher Einfalt darstellt,
Wie geboren war der Heiland der Welt
In heiliger Nacht, wie ihr alle wißt,
Der Chor der Engel erschienen ist
Den Hirten, die da getreulich wachten
Da ward zum erstenmal Weihnachten.

Es wachte der Hirten einsame Schar
Auf die Herde, so ihnen befohlen war.
Es wachten die Hirten im freien Feld,
Daß kein Wolf den friedlichen Lämmern nachstellt.
Seither sind vergangen fast zweitausend Jahr,
Und noch immer ist die Welt voll Gefahr.
Noch immer ist Heilands Liebe und Spruch
Kaum mehr als der Buchstab im Heiligen Buch.
Und gegen den Frieden, der ward verkündigt,
Wird noch immer gefrevelt und gesündigt.
Der Lump, der faulenzt, borgt und säuft,
Nach des fleißigen Mannes-Habe greift.
Der Krämer, der seine Kundschaft verliert,
Nach des ehrlichen Kaufmanns Leben giert.
Der Bube, der Mörder dingt und zahlt,
Den Rächer anklagt der Gewalt.
In Lüften, auf Erden und auf dem Meer
Muß der Gerechte sich setzen zur Wehr.
Zum Morden, Brennen, Wüsten und Schänden
Anrennt der Böse aller Enden.
Doch nützt ihm nichts sein grausig Gebärden,
Wir sind kein lammsfrommen Lämmerherden.
In unseren Arbeitern, Bauern und Bürgern
Erweckt der Herr ein Volk von Würgern.
Aus der zärtlichen Obhut der Frauen und Mütter
Brechen sie vor als ein Ungewitter,
Und wie Flammenregen und Sündflut
Kommt über den Feind unser Blut, unser Blut
Auf daß der Haß, der nach uns gezielt hat,
Für lange ausgetobt und ausgespielt hat,
Auf daß sich uns wieder die Engel zeigen
Mit Halleluja und himmlischen Geigen,
Und die Völker der Botschaft teilhaftig werden:
Friede, Friede, den Menschen auf Erden!

Doch bis es soweit ist, Ihr Männer und Frauen,
Seid stark und geduldig und laßt uns vertrauen.
Wollen nicht wie die unartigen Kleinen,
Was sich nicht gleich fügt, beweinen, begreinen.
Wollen nicht nach sauren Früchten greifen,
Nein, lieber arwarten ihr süßes Reifen,
Damit nicht des Friedens köstliche Labe
Am End einen bitteren Nachgeschmack habe,
Damit wir nicht mir beschämtem Gewissen
Den Waisen der Helden bekennen müssen:
Für Halbes sind eure Väter gestorben,
Die Lebenden haben´s den Toten verdorben!

Denn alles, was wir gedenken und tun,
Darf fürderhin nur auf der einen beruhn:
Daß wir vor den vielen Augen bestehen,
Die jetzt vor Tränen übergehen.
Sonst würde in unseren Herzen auf Erden
Wohl nie der verheißene Frieden werden.


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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012

Poem Edited: Wednesday, May 30, 2012


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