Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Legende - Poem by Anton Wildgans

Wann war es doch? Der Wald, das Haus, der Stall.
der Auslaufbrunnen, der plätscherte in der Nacht.
Die Scheune von Moos und Stroh überdacht,
der Duft gespaltenen Holzes; und überall
auf den Hängen und Wiesen rings um das Haus
kamen die gelben und weißen Blumen heraus,
und Obstbaum an Obstbaum stand, und Wind war und Blütenfall.

Und dann auf einmal gab es in jeder Ortschaft Fahnen.
Was rüstig und jung war, wurde von ihnen eingeholt.
Und viele Greise waren plötzlich Veteranen
und trugen Federhüte und Litzen aus Gold.
Der Bürgermeister sprach mit Tränen im Blick,
bis zum nächsten Bahnhof begleitete die Musik,
und ein langer Lastzug kam tausendstimmig herangerollt.

Und wenn ich nimmer Wiederkehr
Zu Weib und Kind,
Gottes Güte ist wie das Meer,
Gottes Gnade ist wie der Wind,
treibt jedes Schifflein vor sich her,
bis dass es seinen Hafen findt.
Lebt wohl, Weib und Kind,
wir sehen uns nimmermehr!

Und dann im Waggon: Sechs Pferde oder vierzig Mann.
Tag und Nacht und immer wieder Tag und Nacht.
Und Frauen bringen Wasser und Kinder Blumen heran.
Und viele Felder, beladen mit güldener Frucht
Vaterland, Heimatland, noch immer lächelnd in aller Not.
Wo ist die Grenze, wann ist der Tod?
Vielleicht schon morgen: die Schlacht.

Und die Sonne ist ohne Mitleid, die Nächte sind furchtbar klar,
die Sterne zittern vor Frost am Firmament.
Die Füße marschieren, marschieren - jeder Tag ein Jahr -
der Gaumen ledern, die Zunge ein hölzerner Klöppel, der brennt.
Und jede Stunde wirft einen schwereren Stein
heimtückisch in den Tornister hinein.
Kein Feind und kein End!

Annemarie, mein braves Weib,
Deine Hände haben jetzt doppelt zu tun.
Und nachts musst allein in der Kammer ruhn,
und ist doch gesegnet dein treuer Leib.
Wer wird dir in deiner schweren Stund
über die Stirne streichen und küssen den bleichen Mund?
Annemarie, mein armes, gesegnetes Weib!

Doch da auf einmal: woher, woher?!
Zehntausend Peitschen über den trottenden Reihn.
Und nirgends ein Feind! Kein Rauch, kein Schein!
Die Hände fiebern am Schloss vom Gewehr.
Ein Gaul reißt aus. Rasch gedeckt und geduckt.
Aber die Hölle, die Hölle spuckt
ätzenden Abschaum von obenher.

Keine ehrlichen Kugeln! Nur Todesgeschmeiß:
Stechfliegen, Hornissen! Ein Gereiß und Gebeiß!
Ein langer Mensch wälzt sich und keucht wie ein Hund.
Schaumflocken stoßen aus seinem Mund,
seine verdrehten Augen sind zum Bersten weiß.
Und der Feldwebel übernimmt den Befehl.
Und reißt den Säbel empor und brüllt: Sturm!

Und irgendwo soll ein Friedhof sein und ein Turm:
Wer sieht ihn?! Aber - Gott, die befehle ich meine Seel! -
Laufschritt vorwärts! Nur Sturm, nur Sturm!
Wer wird im Frühling fuhren für euch den Pflug,
Weib und Kind?
Gott hat mich gefunden. Ich hab genug.
Mein Blut, mein Blut rinnt, rinnt.
Ein schwerer, großer, dunkler Strich
geht quer durch mich.
Lebt wohl, Weib und Kind!

Nachschrift:
Er hieß Hollerbeck oder Holubetz.
In der Verlustliste neun oder zehn
fand man ihn unter den Toten stehn.
Er hatte nicht viel mehr als sein Leben.
Das hat er gehorsam gegeben
für Eid und Gesetz.
Nicht einmal Gott hat ihn sterben gesehen.

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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012



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