Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Liebesnacht - Poem by Anton Wildgans

Das war die Nacht, die aller Nächte Preis -
Erinnerst du dich noch an unser Zimmer?
Die kleine Gasse draußen lag so weiß
Und blank im maienkühlen Mondenschimmer,
Wie atmend bauschten sich und wogten leis
Die bleichen Stores, durchrieselt vom Geflimmer,
Und über Dächer kam in vollen Wogen
Blühender Gärten feuchter Duft gezogen.

Da waren wir zum erstenmal allein
In solchem Frühling und zu solcher Stunde.
In schlanken Kelchen schäumte kalter Wein,
Orangen bluteten aus kühler Wunde,
Die Kerzen gaben lieben blassen Schein,
Nur manchmal wehten Worte uns vom Munde,
Und wie sie tief in unsre Seelen sanken,
Erblühten sie zu südlich-reichen Ranken.

Und dann - ich weiß nicht mehr, wie alles kam,
Wie zögernd sich dein sanftes Blut erwehrte,
Als ich, die Rosen jäh erblühter Scham
Beseligt pflückend, höchste Gunst begehrte.
Ich weiß nur, daß ich alles Süße nahm:
Das gern Gegebene und kaum Gewährte,
Und daß wir dann in einen traumlostiefen,
Erlösten Schlummer Brust an Brust entschliefen.

O, nicht für lange! - Immer wieder trieb
Zu jähem Aufruhr uns erneutes Sehnen,
Und leise Frage: „Hast du mich denn lieb?"
Heischte Beweise, gab uns Lust und Tränen;
Und dann, wie Pferde unter heißem Hieb,
Griffen die Sinne aus in roten Mähnen,
Und da sie, unsern Willen schleifend, rannten,
Lechzten die Lippen und die Lider brannten.

Dann kam der Morgen, mählich, ungeglaubt,
Herbeigeschleppt von grauen Geisterhänden -
Der kleine Raum, der Dunkelheit beraubt,
Umwuchs uns kalt mit fremden Gegenständen.
Da standen unsre Worte wie entlaubt
Und ausgehöhlt von brünstigem Verschwenden,
Und unsre müden Sinne, wunden Nerven
Begannen, sich für Häßliches zu schärfen.

Da war des Tisches wüst verschobnes Tuch
Und da noch Wein, daß er getrunken werde,
Dort einer halben Frucht verwester Bruch,
Und welke Blumen lagen auf der Erde -
Ein faulig, süßlich, gestriger Geruch,
Eine erstickte, grinsende Gebärde -
Ich weiß nicht mehr, wie wir aus jenen Stunden
In unsre Liebe wieder heimgefunden.

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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012



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