Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Panische Elegie - Poem by Anton Wildgans

Köstlich ist dieser Tag, ein Frühlingstag im September!
Aus der Enge des Tals treibt mich die Sehnsucht empor:
Dorthin, wo über dem Anwuchs der Birken, der Fichten, der Lärchen
Nur noch Wacholder sich buscht, nur noch das Krummholz gedeiht.
Aber nicht Wege wähl' ich, von allen begangene, sondern
Quer durch den Hochwald und dann schräg über Schläge hinan.
Schon umfängt mich Gewölbe einander durchdringender Wipfel,
Säulen, im Dämmer gereiht, münden in sickerndes Gold.
Kleine Lichtung erscheint nun, bedeckt mit Heidelbeerkräutern,
Von smaragdenem Moos duftet's nach Pilzen und Tau.
Siehe, da sind sie schon selbst, die zauberhaften Gebilde,
Die eine einzige Nacht rasch aus der Feuchte gebiert:
Rote Schirme auf weißen Strunken, phantastisch gesprenkelt,
Braune, wie Fladen so groß, kleine, wie Dotter so gelb.
Ist da das Märchen? Erscheinen nun Elbe, alle die Tischchen
Hurtig zu decken zum Schmaus gräserdurchhuschenden Volks?
Stille, ein Häher nur schreit, und tiefer dring' ich ins Dickicht:
Da, ein gefallener Stamm sperrt mir den spärlichen Weg.
Aus dem Erdreich gerissen, die Eingeweide des Wachstums
Haften mit Fasergewirr noch in der Wunde des Grunds.
Morsch ist der Riese, vom Blitze gespalten, die Stümpfe der Äste
Weißlich mit Flechte und Moos wie mit Verwesung bedeckt.
Weiter, Gerölle hinan! Und wieder gigantische Wurzeln,
Gleichend Urweltgetiers Resten, verknorrt und versteint,
Gleichend gewaltigen Knochen von sagenhaften Organen,
Fängen und Rüsseln, dereinst furchtbar mit Schuppen bewehrt.
Schädelstätte des Tods? Mich fröstelt's, ich lausche beklommen:
Nirgends lebendige Spur, nirgends lebendiger Laut.
Nur aus verdeckten Tiefen ein unsichtbar stürzend Gewässer
Stöhnt in die Schauer des Orts wie aus dem Schöße der Welt.


Doch schon entläßt mich der Dämmer, und zwischen sich lichtenden Stämmen
Drängt in die modrige Nacht himmlischer Odem herein.
Und ich betrete den Schlag und staune am Rande des Wunders,
Welches die Sonne gewirkt reich in die Späte des Jahrs.
Unten auf tieferen Hängen verglosen schon Buche und Ahorn,
Funken und Asche der Glut wirbeln in frostigem Tanz.
Hier doch waltet noch Rausch des überwindenden Lebens,
Mit der Wollust Vergehns bacchanalisch gepaart:
Erdbeerblüten wagen noch zarteste Sterne, benachbart
Trägt ihr grünendes Kraut sommersüßen Ertrag.
Am entblätterten Schlingdorn reifen die schwärzlichen Brombeern,
Himbeerfrüchte sogar locken aus silbrigem Laub.
Aber das Wunder der Wunder ist Gentiana! In Felder
Rispenflüsternden Golds hat sich der Himmel versät.
Ist dies noch die Natur, ein blindlings gebärender Wille,
Oder schon göttlicher Plan, der auch die Schönheit erwägt?
Da in einzelnen Büscheln und dort in Sträußen und Sträuchen
Hält der gefiederte Wuchs Kelche, azurne, empor.
Und in Buchten von Jungholz und rings an verbleichende Strünke
Landet das nämliche Blühn blaue Wimpel des Dufts.
Still nun! Und hemme den Vordrang der gräserdurchfurchenden Kniee!
Straffe die Sehnen zum Halt, wurzle den Fuß ins Geröll!
Horch, was pochet dir nah und raunet? Aus Erden? Aus Lüften?
Überschrittst du zu kühn geistergeweihten Bereich?
In der Wonne des Schweißes berieseln dich panische Schauer,
Durch das Leuchten der Luft dunkelt die Schwärze des Alls.
Ruhe, unendliche Ruhe. Nur Regung heimlichsten Lebens,
Tausendfältig gestimmt, wispert und knistert im Gras.
Sieh da, ein Falter des Frühlings! Und immer noch Pochen! Gespenster?
Nicht doch, aus eigener Brust hat dich dein Herzschlag verstört.
Freundlich umfängt dich Geschöpf die große Einsamkeit Gottes,
Und mit menschlichem Blick sieht Gentiana dich an.

Gentiana, ich folge deinen lieblichen Spuren,
Seele, die mich gegrüßt, leite mich freundlich hinan!
Durch ein letztes Gewirre von zartesten Lärchen und Birken,
An Wacholdern vorbei, strebt das beruhigte Herz.
Leichterer Lüfte geschwellt, so tragen die Segel der Lungen
Trotz der Mühsal des Steigs kühn einen Schwebenden hin.
Matten, o selige Matten, schon winkt ihr, schon zeigt sich der Gipfel,
In italisches Blau ragen die Zinnen aus Gold.
Oben! O endlich erreicht und die Runde des Blickes geschlossen!
Kosmischen Ernstes ringsum ruhet Gebirg an Gebirg.
Von den Zacken der Nähe und aus den Tiefen der Ferne
Schwingt sich Gewölbe Kristalls in die Unendlichkeit auf.
Täler da unten, erfüllt von opalisch flutenden Nebeln,
Täler, von zitterndem Licht bis auf die Gründe durchströmt!
Fenster von weißen Gehöften lodern auf südlichen Lehnen,
Bis an die Grenzen des Schnees mühten sich Pflüge empor.
Bis an die Grenzen des Schnees die Schweißspur menschlicher Arbeit,
Ach, und ich Glücklicher ließ alle Beklemmung im Tal!
Stehe als einziger hier inmitten zyklopischer Trümmer,
Die auf das atmende Grün wie aus dem Chaos gestreut.
Türmten Giganten von hier einst Stufen zur Veste des Himmels?
Stürzte auf stärkeren Wink feindlich-vermessener Bau?
Ungeheueren Kampfes granitene Spuren! Und dennoch,
Friede nun über dem Rest einer schon mythischen Welt.
Meere mußten versickern und Laven zu Felsen gerinnen,
Daß ich Geringer allhier rage ins ewige Blau.
Und ein Atemzug Gottes, und aus der Haft der Gehirne
Bricht die entkerkerte Zeit in die Befreitheit des Raums:
Nie hat dann Hellas gelächelt, Homeros niemals gesungen,
Niemals den Dante Virgil durch die Verdammnis geführt.

Mittag. Im Menschenlande melden die Glocken. Ich träume:
Wohl ein Jahrtausend ist's her, daß ich da unten verglomm!
Aus dem Dämmer der Kindheit — wie war es doch? — glitt mir die Seele
In den grelleren Tag, plötzlich war ich ein Mann.
Wurde selber zum Anfang, der ich ein Ende mir deuchte,
Kaum erst der Wiege entwöhnt, stand ich zu Wiegen gebeugt.
Und es gab der Verwirrungen viele, gab Ängste und Sorgen,
Und an dem Baume der Lust reifte als Ernte die Schuld.
Glocken da unten nicht mehr! Nur manchmal ein Schwellen des Windes,
Das sich irgendwo tief unter Wipfeln verliert.
Erika würzt mir das Kissen in lila vergilbenden Farben,
Reglos ein Echslein, mit mir teilt es das Lager Gesteins.
Ja, ich liege und ruhe und habe die Augen geschlossen,
Aber vertausendfacht fühlt jeder andere Sinn.
Jedes Härchen der Haut des selig entgürteten Leibes
Freut sich liebkosenden Hauchs, Chöre füllen das Ohr.
Und ich wittre berauscht die asphodelischen Düfte,
Holdes Vergessen der Welt lullt mich Entschwindenden ein.
Jetzt ist der Himmel wohl offen, und rosiger Sohlen beschreiten,
Mich zu entbieten gesandt, Genien Stufen von Gott?
Aufschaun möchte das Auge, doch immer süßerer Schwere
Über die Fühler des Lichts senkt sich das purpurne Lid:
Einmal war ich ein Mensch und haderte gegen die Grenzen,
Und den vermessenen Geist setzte ich wider das All.
Jetzt doch vergeh' ich, geschmiegt in ein winziges Schründlein der Erde,
Willenlos wieder ein Kind, rührender Ohnmacht beglückt.
Sind mir die Pulse geöffnet? Verström' ich? Gleiten Gewichte
Von der verebbenden Brust in den verbrüderten Raum?
Herdengeläute ganz nah! Ein Knabe hält singend die Rinder,
Und in Urmelodien löst sich mein Irdisches auf.

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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012

Poem Edited: Wednesday, May 30, 2012


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