Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Prolog zum Schubert-Gedächtniskonzert der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien am 6. März 1928 - Poem by Anton Wildgans

Von Schubert soll ich sagen? — Arme Kunst
Des spröden Worts, die sich bescheiden muß
Vor so viel Grazie der Melodie
Und so viel Wohllaut, den der Liedermund,
Der holdeste der Welt, ins Ewige sprach!
Und dennoch, Freunde, die zu lauschen ihr
Und ihn zu feiern kamt, um seines Ruhms
Und Preises willen — ach, so schwer es fällt!
An diesem Tag Gedenkens sei's gewagt:

Daß er von u n s e r m Blute Blut war, des
Ihn zu berühmen war' ein selbstisch Lob,
Mehr Eitelkeit auf uns als ihm gerecht!
Denn was geschah von denen, die mit ihm
Gelebt, und was — erstund von seiner Art
Ein Mann in unsrer Zeit — geschah' von uns,
Um seinem Werk und Werte liebender
Genugzutun, als sein Jahrhundert ihm?
In seinem Eigensten verschmäht und bloß,
Wo's gestrig blieb, vom Lob der Gestrigen
Bei weitem mehr erniedrigt als erhöht
Ward das Genie auf Erden immer noch,
Und erst der Tod dem nachgebornen Blick
Enthüllt des wahren Wuchses Gipfelmaß.

So ist´s Gesetz, und so auch war's mit ihm:
Der Schubert Franz, der kleine Schulgehülf'
Und Organist der Pfarre Lichtenthal,
War seiner Zeit und ihren Besten selbst
Nur eine Hoffnung, die zu bald verstarb,
Und heut, eh wir uns recht besannen, daß
Er unser und ein großer Meister war,
Gehört er schon der horchenden, der Welt,
Und wo in ihr die Menschenstimme singt
Zu Worten deutscher Seele, wo Musik
In Herzen süße Schauder weckt, da blüht
Aus seinen Geigen unsre Heimat auf,
Und seines Ruhmes Lerchenfittich trägt
Auch unsern Namen zum Gestirn empor!

Des laßt uns froh sein! Keinen treueren
Anwalt vor seinem Richter hat ein Land,
Als daß es Heimat war Begnadeten.
Macht bricht wie Glas in Torenhänden, Ruhm,
Der von Gewalt kommt, schmilzt wie Märzenschnee
Im Glutwind stärkerer Gewalt, doch wo
Der Genius sein Göttliches gefühlt,
Und hätte sich sein Irdisches auch nur
An trocknem Brot und schlichtem Quell gelabt,
Der Ort hat nicht nur einmal Sinn gehabt!
Was blieb von Hellas selbst und was von Rom?
Ruinen! Foliantenstaub! — Doch was
Anakreon gesungen, was Horaz
In Liedern träumte beim Falernerwein,
Ist ewig, ewig, wenn auch längst nicht mehr
Den Stufenweg zum Kapitol hinan
Die Jungfrau wandelt mit dem Pontifex!

Und so, ihr Freunde, gilt es auch von ihm
Und seinen Träumen! Wie der blaue Lauf,
Der unsern Himmel spiegelt, unser Land,
Rauschen auch sie dahin in fernste Zeit,
Und immer noch, wenn unsre Gegenwart
Geschichte schon, ja Sage worden ist,
Zu seinen Jüngern spricht der Musaget:
„Dort, wo der Strom sich zweiteilt, liegt die Stadt,
Da eines Volkes Lieb' und Herzeleid,
Wie's vor dem Tor, am Bach, an Brunnen klang,
Durch edles Maß zum Lied geschaffen ward
Für eine Welt, und Schubert hieß der Mann!'

Noch aber sind wir! Leben, heiliges,
Durchglüht die pochenden, die Pulse uns
Und läßt uns wirken in der Sonne Licht!
Es ist nicht immer leicht, meist ist es schwer
Nach all dem Sturm, den unser Volk bestand,
Doch manchmal sind auch Feste, ob wir nun
Daheim die Saiten stimmen oder ob
Im größeren Kreise Dienst am Werk geschieht,
Und immer ist es auch ein Schubertlied!
Da fällt die Hast ab, die uns sonst verstört,
Die Sorge schläft, von holder Kunst betört,
Was sonst auch nötigt, wach und hart zu sein,
Die Seele geht in große Ruhe ein,
Und froh in seinem Geisterhauch zurück
Tönt Botschaft Wanderern uns: Hier ist das Glück!

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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012



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