Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Prolog zur Grillparzer-Feier der Stadt Wien im Burgtheater - Poem by Anton Wildgans

In Geistes Namen, der uns heut vereint
An dieser Arbeitsstätte höchster Kunst,
Gegrüßet seid, ihr Väter dieser Stadt,
Die dieses edle Fest ins Werk gesetzt!
Gegrüßet ihr, gewählte und ernannte
Lenker des Staates, der sich dankbar heut,
Lorbeerbereit, dem ernsten Schatten naht!
Und auch willkommen all ihr anderen,
Gewillte ihr, zu lauschen und zu schauen,
Wie man zu Wien, der Stadt in Österreich,
Den Dichter ehrt, den Sohn des Vaterlands!

Fürwahr den Dichter! Keinen größeren
Gebar dies Volk! —Jedoch davon zu sprechen
Wär' Überfluß! Zumal auf diesen Brettern,
Die er schon ein Jahrhundert so belebt,
Daß Traum ein Leben wird und Leben Traum,
So oft der Reigen der Gestalten, denen
Er die begnadete Musik des Worts
Mitgab auf ihren Weg zur Ewigkeit,
Antritt zum Tanz bewegter Phantasie.

Und dann, ihr Männer, Frauen, Freunde all:
Daß er ein Dichter war, dies müssen wir
Teilen mit den Gebildeten der Welt.
Doch daß er d a, in unsrer Vaterstadt,
Geboren ward, aufwuchs und wurde, was
Er endlich war, daß noch die Gärten blühn,
Die alten Gassen dämmern, daß noch Häuser,
Paläste ragen, die schon er betrat;
Daß die Gebäude, wirkend um die Stadt,
Die Hügel, rebenübergrünt, die Berge
Geweiht von seinem Blick sind, eingespiegelt
In seiner Verse traulichen Kristall,
Daß er uns kannte, uns erkannte, wie
Wir wirklich sind, mit allem unseren
Ganzen und Halben, Gütigen und Lauen,
Und dennoch uns gerade so geliebt,
Ja mehr noch, uns in allem Besten glich
Und nur die Schlacken abwarf unsres Golds —

Dies bringt ihn näher uns als einen Dichter,
Und war' er noch so groß, dies schafft ihn zum
Symbol für unsre Art, zu sein, und macht
Den Genius der Kunst, der er der Welt,
Auch noch zum Genius des Vaterlands.
Einst freilich war dies Vaterland ein andres,
War stolz ein Haus, in dem der Zungen viele
Erklangen, hörbar in dem Rat der Welt.
An seine Stufen schmiegte sich das Meer
Und seine Türme, glitzernd hoch in Eis,
Hielten die Schau an üppigem Südens Tor,
Indessen nördlich wogend Ackergold
Die Grenzen überfloß, die Sprache schuf,
Und blau der Strom beredtes Spiegelbild
Des deutschen Kernlands gegen Aufgang trug.
So sah noch er, der ihm gedient, dies Land,
So sahen's jüngst noch Nachgeborene wir
Und liebten es und opferten ihm Blut.
Doch angenommen ward das Opfer nicht.

Da stehn wir nun im abgebrannten Haus,
Die Trümmer rauchen noch vom Haß der Zeit,
Und hoffnungsmatt sucht der verstörte Blick
In Schutt und Asche einstigem Hausrat nach.
Doch sieh, da schimmert's plötzlich hier und dort
Im Wust! Ist's-nur die Träne, die das Äug'
Verwirret? Oder sind es Schätze, Adern
Von Gold im Felsgrund unseres Gevierts?
O Anblick, seliger, o Rausch des Glücks!
Die Fenster auf, die noch vom Brand geschwärzt,
Und Sonne überwältigend herein!
Und da gewahren wir's und stehn erschüttert,
Daß wir nicht Bettler sind, wenn auch an Brot
Wir darben! Denn besät von Perlen ist
Die Brandstatt unseres Hauses, und empor
Aus Aschenwust erheben sich die Geister
Und tragen ihrer Gaben Fruchtgeschmeide
Wie leuchtende Monstranzen vor sich her!
Und unter ihnen, ragend wie der Turm,
Der elfenbeinerne, ein gütiger Greis,
Die Stirn umspielt vom Silber, das einst Blond,
Das blaue Auge, ernst und schalkhaft doch,
Uns lächelnd, so wie Kindern, die verzagt!
Und mit den Armen, liebend ausgespannt,
Als wollte er umfassen alle uns
Und drücken an die Vaterbrust, weist er
Im Kreis umher auf Berge, Strom und Land!
Da fallen Schuppen uns von Augen und
Wir sehen, sehn! — Schauen die Heimat wieder,
Die Heimat! Oh, nicht mehr als ein Gebiet
Der Macht! Denn wir sind klein geworden, schwach
Im Rat der Völker! Aber doch die Heimat!
Dies Kleinod Gottes, dieses Paradies
An Schönheit! Und wir schaun die Menschen, alle,
Die es bewohnen, heute noch gebeugt,
Doch übermorgen oder leicht schon morgen
Mutig besonnen ihrer Kraft, zu tun,
Zu schaffen, zu genießen, sich zu freuen!
Nicht mehr am Tand der Macht, am Flitter
Vergänglich-schalen Prunks, nein, an des Geistes
Heiligen Sakramenten, deren höchster
Priester in unserem Vaterlande — Er!

O Österreich, du Land am Rand des Aufgangs,
Du Land, wo Menschen wohnen, freundliche!
Wenn einst am Tag, den die Geschichte hält,
Die Hand, die Weizen sondert von der Spreu,
Auch dich berühren wird, und wenn der Mund,
Der unerbittliche, dich fragen wird: Was tatest
Du mit dem Pfunde, das ich dir geliehn? —
Dann wird nicht zählen, was die Macht vollbracht,
Die blutige des Schwerts, dann wird nicht wiegen
Gewicht der Stimme in dem Rat der Welt!
Nein, in dem härenen Gewand der Not,
Im Striemenpurpur der Erniedrigung
Magst du geruhig vor die Schranken treten
Mit jenem Besten lächelnd an der Hand!
Und um des Einen, den dein Schoß gebar
Und so gebildet, daß er wie die Blüte
All unsrer Erde Süßigkeit und Duft
Aufsog und unsres Bluts und Geistes
Köstlichsten Stoff in sich zur Frucht gereift,
Um dieses Einen, der wie ein Gestirn
Die Zeiten überstrahlt, um diesen Sohn,
Du Mutter unser, wird dir viel verziehn!

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Poem Submitted: Wednesday, May 30, 2012

Poem Edited: Wednesday, May 30, 2012


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