Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

(28 February 1790 - 16 March 1862 / Javorník)

Todtenkränze III. - Poem by Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

Und wieder fühlt′ ich schirmend mich umwallen
Des Geists Gewand, mit dem er mich umwunden,
Und fort mich trug auf rastlos eil′gen Schwingen!
Schon war das feste Land dem Blick entschwunden,
Und keine Stimme hörte man mehr schallen,
Und keinen Laut des Lebens mehr erklingen!
Die Einsamkeit durchdringen
Kann nur der traurig gleiche Schlag der Wellen,
Die, wildaufrauschend, bald der Tiefe Schrecken,
Abgründe, graunvoll, auf dem Blicke decken,
Bald wieder hoch wie dunkle Berge schwellen
Und, gleich dem Bild furchtbarer Ewigkeiten,
Unruh′ und Angst in banger Brust verbreiten.

Und ohne Ende däuchte mir die Reise,
Und wechselnd sah ich′ s dunkeln bald, bald tagen!
Bald zog der Morgen her mit seinen Gluthen,
Und nah′ bei mir sah ich den Sonnenwagen
Mit goldnen Rädern auf demantnem Gleise,
Unübersehbar schienen rings die Fluthen
Des weiten Meers zu bluten,
Luftströme blendend mich zu überfließen;
Bald wieder das Gewölk sich zu verdichten,
Die Nebel thürmend sich auf Nebel schichten,
Und Finsterniß sich allwärts zu ergießen;
Bis ich die Greife schnauben hört′ am Zügel,
Der Nacht Gespann, mit Mähn′ und Drachenflügel!

Und eben schwammen Mond herauf und Sterne,
Ein milder Glanz ergoß sich in den Räumen,
Den unermeßlichen, die ich durchflogen,
Und Silberschimmer tanzten auf den Schäumen!
Da sah ich - wie in grauer Nebelferne -
Empor im einsam öden Reich der Wogen,
Von Mondeslicht umflogen,
Ein ragend Eiland düster sich erheben!
Sind wir am Ziel? - so fragt′ ich den Begleiter. -
»Bald« - gab er Antwort - »bald! nur muthig weiter!«
Und lind am Strande fühlt′ ich niederschweben
Den Zaubermantel, der, ein Wolkenwagen,
Durch die entlegnen Bahnen uns getragen.

Ein Felsenhaupt stieg aus dem Meeresgrunde
Zum Himmel einsam auf! - So weit auch immer
Das müde Auge in die Wasserwüste
Hinausstarrt, Meer und Meer! es endet nimmer.
Und nirgend in der weiten offnen Runde
Ein grüner Strand, und nirgend eine Küste,
So daß man glaubt, es müßte
Der Fels herabgefallen seyn vom Himmel,
Und zürnend strebe Fluth, ihn fort zu spülen!
Er aber lacht der Müh′ und läßt es wühlen
Das brausende, ohnmächtige Getümmel;
Denn hingestellt ward er, ein ew′ges Zeichen,
Zum letzten aller Tage auszureichen!

Und einen Sarg sah auf dem Fels ich oben;
Auf ihm ein Schwert statt allem Schmucke schimmert,
Ein Lorbeer steht dabei, nach dem gerichtet
Des Himmels Blitze waren; denn zertrümmert
Ist und zerkracht der Stamm, einst hoch erhoben.
Doch ob versehrt auch, er ist nicht vernichtet,
Und helles Laub umlichtet
Auch noch des Baumes abgebrochne Aeste.
Und wie er auch den Stürmen preisgegeben,
Sie können ihn nicht aus der Wurzel heben,
Die Gott selbst eingesenkt hat in die Veste:
Damit, ein Beispiel in der Weltgeschichte,
Er redend zeuge, wie der Höchste richte!

Daneben lag zerstreuet auf dem Boden
Ein Königszepter und zerbrochne Kronen,
Und Hermelinschmuck, wie bei Herrscherleichen.
Dieß Alles war vom Schicksal ohne Schonen
Umhergeworfen, wie zum Hohn dem Todten.
Entfärbt sah man den Purpursammt nun bleichen,
Und wüst entstellt die reichen
Wahrzeichen hingeschwundner Herrlichkeiten!
»Soll ich die Stätte, die Du siehst, Dir nennen?«
So sprach der Geist - »daß Du sie magst erkennen,
Und dieses Grabes Zeichen hier Dir deuten?« -
O, sprich nicht weiter! rief ich, und ein Schauer
Durchfuhr mein Herz, und kaum gewagte Trauer!


So tret′ ich hier die Erde, wo zu Staube
Zerfallen sollt′ Dein moderndes Gebeine,
Du, dem die Welt am Boden einst gezittert?! -
Nichts blieb Dir übrig von der Hoheit Scheine;
Was Du besessen, ward der Zeit zum Raube,
Der Purpur, der Dich deckte, ist verwittert,
Die Kronen sind zersplittert,
Der Lorbeer selbst vom Himmelsstrahl entzündet!
Das Schwert allein, das blutige, blieb liegen
Auf Deinem Sarg, den rauhe Stürme wiegen
Auf diesem Keil, im öden Meer gegründet!
Verlassen liegst Du hier, einsam begraben,
Kein Auge weint! - Soll nichts geliebt Dich haben? -

Und als den schweren Abschied von dem Leben
Die Seele nimmt, nach Jenseits auf der Reise,
Da, wer am Lager stehe von den Deinen,
Willst Du erspähn und blickst umher im Kreise!
Von Allen, denen Kronen Du gegeben,
Von ihnen Allen sahst, Verlaßner, Keinen
Du jetzt bei Dir erscheinen,
Nun Glanz und Hoheit von Dir abgefallen! -
Da trat die letzte Thräne Dir in′s Auge
Und netzt′ es, als sich′s schloß, mit bittrer Lauge,
Die Seele störend im Hinüberwallen;
Es fassen Fremde Deine Hand′ und legen
Sie auf der Brust in′s Kreuz! - Wer spricht den Segen? -

»Du sagst, daß Niemand eine Thrän′ ihm zollte,
Und unbeweint der Todte sey geschieden,
Und doch seh′ ich Dein eignes Aug′ sich feuchten?
Doch rufst Du Hohn nicht über ihn, nein, Frieden?
Er, dem die Menschheit unversöhnbar grollte,
Den ihre Flüche bis hieher verscheuchten,
Er macht in Wehmuth leuchten
Dein Angesicht?« - hört′ ich den Geist mich fragen.
»Wie kommt es denn, daß Deine schwache Stimme
Heraus tönt, segnend, aus dem Chor voll Grimme,
Den laut der Schall weit durch die Welt getragen?
Wenn Dich sein Leben, Schwacher, hat geblendet,
Vergiß das Eine nicht - wie er geendet!« -


Weil mich die Welt an dieses Todten Stätte
Anekelt, die erbärmliche, gemeine!
Denn wie Gewürm ist sie vor ihm gekrochen,
Als er noch lebte in des Glückes Scheine!
Da, um die reichen Schätze Peru′s hätte
Kein Mund ein lautes Wörtlein nur gesprochen;
Doch nun sein Glanz gebrochen,
Nun drängen sie hervor sich um die Wette,
Und speien Hohn und Schmach aus auf die Manen
Des alten, hingeschmetterten Titanen,
Sie, die zum Prunk getragen seine Kette!
Ihn hassen war erlaubt, ohnmächt′ge Rotte,
Doch viel zu hoch gestellt war er dem Spotte.

Ein Wetter - sprach ich - daß die Welt sich reine,
Ward er vom ew′gen Throne hergesendet,
Und wohl zu kennen war′s, wem er ein Bote!
Drum sollen, auf die Erde hingewendet
Das Antlitz, betend knien im Vereine,
Die ihm gezittert, als im Flammenrothe
Von Gottes Zorn er drohte!
Denn bis die Hand, mächt′ger als Menschenhände,
Dahin ihn streckte, sie, die ihn gerufen,
Nicht eher sank er von der Hoheit Stufen;
Wir aber prahlen nun mit seinem Ende! -
In Waffen bin ich gegen ihn gestanden,
Drum mocht′ ich ihn nicht schmähn, als er in Banden.


Und ab brach ich ein Reis vom Lorbeerbaume
Und barg′s an meiner Brust zum Angedenken.
O, führe weiter mich, o, komm von hinnen, -
Rief ich dem Geiste, - laß den Flug uns lenken
Aus diesem allzuthränenwerthen Raume!
Denn was ist werth noch Mitleid zu gewinnen,
Werth, daß ihm Thränen rinnen,
Ist′s nicht der Blick auf Jene, die gesunken
Dem Arm der Rachegötter, weil, vermessen,
Sie der gemeinen Sterblichkeit vergessen,
Vom Uebermuthe eigner Größe trunken?!
Führ′ mich von hier, fort in die fernste Ferne,
Fort von der Asche ausgebrannter Sterne! -


Nicht die den blut′gen Kriegsruhm sich erbeutet,
Will ich mehr schau′n, ich will sie nicht mehr preisen;
Zu viele Thränen hängen an dem Kranze!
Wer möchte wandeln auf so blut′gen Gleisen,
Wo alle Segensblüthen ausgereutet,
Zertreten sind im rauhen Kriegestanze!
Mir graut vor diesem Glanze,
Vor dieser dunklen, wilden Flammenröthe!
Genug des Jammers drückt und trübt die Erde,
Zeit ist′s, daß endlich ihr der Friede werde,
Zeit, daß man segne und nicht fürder tödte!
Verbergt das Schwert, die Palmen lasset wehen!
Fort mit dem Kranz - ich mag ihn nicht mehr sehen.


Die laß mich preisen, die der Welt nicht achten,
Und mitten im Getümmel einsam stehen,
Die nichts vernehmen von der Stürme Grauen,
Und nur nach einem süßen Sterne sehen;
Nur immer ihn, und wieder ihn betrachten,
Ob auch, unzählig, in dem dunkelblauen
Azur der Himmelsauen
Die goldnen Lichter auf und nieder wogen.
O, Thoren, die nach andrem Glücke rennen!
Zwei Herzen, die sich finden und erkennen,
Vier Lippen an einander fest gesogen,
Vier Arme, die sich wonnevoll umstricken,
Was Andres braucht′s zum seligsten Entzücken?


34.


Auf, hehrer Geist! - O, all′ die hohen Wonnen,
Sie, die kein Mund, nur Thränen können loben,
Zeig′ sie mir ein Mal nur, und wär′s im Traume!
Laß mich, vom Strahl der Sehnsucht neu umwoben,
Noch ein Mal schöpfen der Erinn′rung Bronnen,
Den Becher leeren mit dem Perlenschaume!
Daß im geweihten Raume
Ich wandle mit den hohen Liebespaaren,
Mit ihnen schwelg′ an ihren Göttermahlen,
Mit ihnen trink′ aus goldenen Pokalen.
Laß mich den Rausch der Himmlischen erfahren!
Wirf Alles fort, o Herz, all′ andres Streben,
Für einen Pulsschlag nur von solchem Leben.


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Poem Submitted: Thursday, May 24, 2012

Poem Edited: Thursday, May 24, 2012


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