Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

(28 February 1790 - 16 March 1862 / Javorník)

Todtenkränze VI. - Poem by Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

So, fort in klaren Luftkrystallen schwebend
Ziehn wir, das schöne Land zu unsern Füßen;
Und tausend Städte können, nah′ und ferne,
Auf einmal überschauend wir begrüßen.
Links der Farnesen Hallen sich erhebend,
Und in der Ebne hingestreut wie Sterne
Die Schlösser, wo so gerne
Die alten Dichter Welschlands mochten weilen,
Bei jenem lorbeerreichen Stamm von Este! -
Und dort Castruccio Castracani′s Veste!
Und weiter hin, wo Arno′s Wellen eilen,
Des Medicäers Stadt, des kunstgeweihten,
Des größten Geistes jener alten Zeiten!


Wohin das Auge steht auf unsrem Fluge,
Dort möcht′ es ruhen und verweilend bleiben,
Von der Erinn′rung mächtig festgehalten! -
Es können Worte nimmer sie beschreiben,
Die Wunder alle, die auf unsrem Zuge
In immer neuem Wechsel sich entfalten;
Bis wir dann näher wallten,
Inmitten zweier ausgespannter Meere, -
Denn rechts sahn die Tyrrhener Fluth wir blinken,
Links Adria, die sturmgepeitschte, winken -
Bis endlich sich die gottgeweihte, hehre,
Hochheil′ge Roma hob vor unsern Blicken,
Das Staunen einer Welt und ihr Entzücken!


All′ jene Zierden, aus den alten Zeiten
Herüberwinkend mit den Prachtruinen,
Des Coliseums wunderbaren Bogen,
Die Tempeltrümmer, die gewalt′gen, kühnen,
Des Forums fast versunkne Herrlichkeiten,
Die hohen Pforten, wo die Helden zogen,
Vom Jubelruf umflogen,
Die Riesenmauern und die Säulenhallen,
Die Thermen und die hohen Mausoleen,
Wo Geister der Heroen wandeln gehen,
Wenn sie hervor aus ihren Gräbern wallen,
Der Weltenherrscher unvertilgte Spuren
Sahn wir vor uns, als wir hernieder fuhren!

Und was ein neu Geschlecht hinzugesellet,
Des alten Wunder noch zu überragen:
Bramante′s Bau, dem nichts sich kann vergleichen;
Die mächt′ge Kuppel, stolz empor getragen
Von Buonarotti, der so hoch gestellet
Des Kreuzes weithin strahlend Gnadenzeichen,
Daß, um es zu erreichen,
Des stark beschwingten Adlers Flug nicht gnüget!
Den Vatikan, die Engelsburg, die feste,
Die Obelisken, Brunnen und Paläste,
Bildsäulen, Pforten, stark in Erz gefüget,
Ich sah sie wohl dem Blick vorüber eilen,
Doch konnt′ ich nicht betrachtend drauf verweilen.

Bei Sankt Onufrio, wo Citronendüfte
Süß aus dem stillen Klostergarten wehen,
Bei jener Kirche, - Kirchlein nur zu nennen,
Wenn man Sankt Peters Riesendom gesehen,
Deß Haupt, emporgestrecket in die Lüfte,
Wie eine lichte Sonne scheint zu brennen
Und das Gewölk zu trennen! -
Verweilten wir und öffneten die Pforte!
Bald stand ich still vor einem Leichensteine:
»Hier ruhen Tasso′s modernde Gebeine!«
Stand drein gegraben statt all′ andrer Worte.
Da zuckt′ ein Weh′ durch mich! Es zu versüßen
Senk′ ich mein Knie, das werthe Grab zu küssen!


»Laß,« - sprach der Geist - »laß es vorüber gleiten
Im Spiegel der Erinn′rung, Tasso′s Leben,
Daß Dir in ihm sein Glück sich deutlich künde!
Ihm wohl vor Vielen war der Kranz gegeben,
Den Deine Göttin spendet den Geweihten! -
Daß, was er fühlt, in Andern er entzünde,
Den Born der Kunst ergründe,
Die hohe Kraft ward gnädig ihm verliehen.
Laß uns denn sehn, ob sich sein Glück gemehret;
Ob jener Hauch der Gottheit ihn gelehret,
Den selbstgeschaffnen Qualen zu entfliehen?
Ob sie ihn schirmte in dem innren Kriege,
Ob sie ihm half zum schwererkämpften Siege?

Unseliger! Der, als er kaum geboren,
Ein Flüchtling an der Mutterbrust, muß irren,
Getrieben aus der Heimath süßem Frieden!
Eh′ noch die Nebelträume sich entwirren,
Die trüb, gestaltlos, liegen an den Thoren
Der Seele; wo der Mensch noch nicht geschieden
Vom Thier, sonst nichts hienieden
Noch Leben nennt, als ungestörten Schlummer;
Warst du - allein entrückt dem milden Loose,
Zu ruhn im Kelch der noch geschlossen Rose
Harmloser Kindheit - schon ein Ziel dem Kummer;
Und mußtest, vorgereift, in jenen Tagen
Schon Männerschmerz im Kinderbusen tragen!


Und als, ein Jüngling, Du das Daseyn grüßtest
Mit Deiner Seele liebevollstem Gruße,
Als Du versucht die ersten Wunderklänge,
Gluthreich, als ob in tief sehnsücht′gem Kusse
Das eigne Leben Du verhauchen müßtest;
Und als, dem Fruchtbaum gleich im Lenzgepränge,
Mit schwellendem Gedränge,
Berührt vom wonnigsüßen Frühlingsstrahle,
Sich nun erschloß der Lieder Knospenfülle,
Und, von des Blüthenschnees duftreicher Hülle
Dicht überweht, Du standst mit einemmale:
Da brach zugleich aus Deinem tiefsten Herzen
Der blut′ge Quell von namenlosen Schmerzen.

Ungleiches Geschenk, das Du empfangen,
Unglücklich Loos, das Dir daraus entsprungen!
O, wäre nie Dein Name, sternumwunden,
Geflossen von den wonnetrunknen Zungen!
Die Dornen, die in Deine Seele drangen,
Du hättest ihren Stachel nie empfunden,
Wärst spurlos Du verschwunden,
Statt in des Ruhmes Aetherglanz zu baden!
O, hätte doch in seinen Goldpalästen
Alphons Dich nie gesellt zu seinen Gästen,
Nie nach Ferrara, Tasso, Dich geladen!
Was soll der Dichter in der Fürsten Hallen;
Kann Er dem Ort, kann Ihm der Ort gefallen?

Deß volle Brust nur Stimme sucht und Klänge,
Um auszusprühn, was ihm das Herz beweget;
Er, der bald jauchzen möcht′, und wieder weinen,
Den stets des Augenblicks Gewalt erreget,
Wie soll er wandeln in dem Weltgedränge,
Wo Niemand ist, und Alle wollen scheinen?
Wie soll er klug vereinen,
Was ihm so Noth thut und so fern doch lieget?
-
Was groß ihm dünkt, sie sieht er es verachten,
Und er verlacht, wornach sie gierig trachten,
Dort ist er stolz, wo sich der Kluge schmiegt;
Und wo er stolz gleich ihnen sollte prunken,
Ist er voll Demuth, in sich selbst versunken!

O, flieh, Torquato, laß Dich nicht bethören! -
Weil Deinem Haupte Kränze sie gewunden,
Weil Du vielleicht ihr Auge feucht gesehen,
Meinst Du, sie fühlen mit, was Du empfunden?
Weil sie Dein Werk nicht ohne Rührung hören,
Glaubst Du, bewegt, daß sie Dein Herz verstehen,
Auf Deinen Bahnen gehen?
Du meinst, sie ehren Dich, weil sie erfuhren
Das Walten Deines Geists im tiefsten Leben,
Himmlischer Gaben angebornes Weben,
Den Zauberstab begünstigter Naturen?
Du hättest ihre Achtung fortgetragen,
Weil sie entzückt in ihre Hände schlagen?

Unsel′ger Irrthum, der Dich hat geblendet!
Ein Gaukler bist Du, ihre Zeit zu würzen,
Um, vorgerufen nach dem üpp′gen Mahle,
Den trägen Lauf der Stunden zu verkürzen!
Man schickt Dich fort, wenn Du Dein Lied geendet! -
Was irrt Dein Blick mit seinem dunklen Strahle
So glühend dort im Saale,
Sich einzubohren in Lenorens Augen? -
Dein Herz, erfüllet von den Doppelgluthen,
Es wird in langen Martern sich verbluten
Und zehrend Gift aus allen Adern saugen!
Die süße Hoffnung, die Du groß gezogen,
Ihr Blick, ihr Wort - sie haben Dich betrogen!


Bald sehen wir die goldnen Hallen schwinden!
Die hohen Herren und huldreichen Frauen,
Die erst Dir lächelten so süß und milde,
Wo sind sie hin? Sie sind nicht mehr zu schauen! -
In andern Mauern bist Du jetzt zu finden,
Wie ganz verschieden von dem vor′gen Bilde!
Ein finstrer Thurm, und wilde,
Verzerrte Graungestalten zum Erschrecken,
Die grinsend durch die Eisenstäbe blicken,
Mit magern Armen an den Gittern rücken,
Und bleiche Hände durch die Oeffnung strecken!
Und oben hört man gräflich Lachen tönen,
Und unten Jammer, Wehgeheul und Stöhnen!


Wie kamst Du her? Wie kann hier Tasso weilen? -
Wenn Du Dein volles Herz nicht niederdrücktest,
Dein Auge nicht in strengen Bann gezwungen,
Als Du die Dame, der Du dienst, erblicktest:
Sah man, ihr nach, die Haine Dich durcheilen,
Rief Echo kühn mit unsichtbaren Zungen
Die stillen Huldigungen,
Den süßen Namen - süß Dir zum Verderben! -
Bist Du drum strafbar, war′s so schwer Erkühnen,
Daß Tod nur den verwegnen Traum kann sühnen:
So sey′s darum! - wohlan, so magst Du sterben!
Du hast Dein Schwert nicht ohne Ruhm getragen,
Du stirbst als Mann, ich weiß es, ohne Klagen! -



Doch nicht der Tod, die Schmach ist Dir bereitet!
Damit Dein Name früher als Dein Leben
Vernichtet sey, und Du ein Ziel dem Hohne,
Dem Pöbel zur Verachtung Preis gegeben;
Daß nicht, wenn Ruhm zu Grabe Dich begleitet,
Erinnerung mit immer grüner Krone
Verklärend Dich belohne;
Daß mehr als todt Du seyst, daß Du, geschändet,
Nur Grau′n in zarter Brust und bleichen Schrecken,
Nicht edles Mitleid fürder magst erwecken,
Und keine Thräne werd′ an Dich verschwendet, -
Wird Tollheit zur Gefährtin Dir gegeben!
Wahnsinnig nennt man Dich! so magst Du leben.


Umsonst erschütterst Du die hohle Mauer,
Wo Deine Klagen ungehört verhallen,
Und Dein gerechter Zorn nicht wird geachtet!
Ist′s dann ein Wunder noch, wenn, angefallen
Von Gram, Verzweiflung, Ueberdruß und Trauer,
Den Geist, der in zehnfachen Banden schmachtet,
Endlich, verhüllt, umnachtet,
Wahrhafter Wahnsinn fasset und vernichtet? - -
Doch, ob sie′s wünschen mögen und erstreben,
Der Funke bleibt Dir, den Dir Gott gegeben!
Bald steht die Welt erstaunt, was Du gedichtet,
Begierig athmet sie die Wunderklänge
Begeisterter, unsterblicher Gesänge!


So wird zum Spotte Deiner Feinde Trachten;
Noch ungetrübt fließt Deines Geistes Quelle!
Vom Belt zum Aetna wird′s der Ruf bezeugen:
Noch strahlet Tasso in der vor′gen Helle,
Und was die Lüg′ ersann, er darf′s verachten! -
Allein der Körper, den die Martern beugen,
Muß früh zu Grabe steigen,
Vom gift′gen Hauch der Kerkerluft verzehret! -
Nun endlich läßt man seine Bande fallen,
Und hin zur Gruft darf fesselfrei er wallen! -
Was Mantua′s Herzog lang′ für ihn begehret,
Der freie Athem für die Neige Leben,
Wird endlich ihm als letzte Gunst gegeben!


Noch einmal fühlt er frischer Kräfte Weben;
In gier′gen Zügen trinkt den Strom der Lüfte
Sein schwellend Herz, das noch wie ehmals glühet!
Der alte Tasso steigt aus Nacht der Grüfte,
Der lang entbehrten Sonne rückgegeben!
Wie unterm Schnee das Grün der Saaten sprühet,
Die frühe Primel blühet,
So ist sein Herz noch frisch und grün geblieben,
Ob starres Wintereis es auch bedeckte
Und rauher Stürme Toben es erschreckte!
In Blüthen prangt sein Dichten und sein Lieben! -
Hin nach Sorrent fliegt er, in Schwesterarmen
Vom langen Winterfroste zu erwarmen!

Unglücklich Herz, das keine Ruhe kennet! -
Blick′ auf das Meer, es stillet sich sein Rasen;
Die Donner schweigen endlich in den Lüften!
Und die Orkane hören auf zu blasen!
Ja, der Vesuv, deß Eingeweide brennet,
Er, der die Erze schmilzt in seinen Grüften,
Und aus den tiefen Klüften
Sie tobend auswirft, als ob aus dem Schlunde
Der Erd′ uralter Gluthpfuhl sich entlüde:
Er rastet! - Die Vulkane werden müde,
Und du, o Herz, allein mit deiner Wunde,
Du willst nicht ruhn und findest nicht den Frieden.
Der selbst der See, dem Sturm, der Gluth beschieden!


Und wieder treibt′s Dich fort, die falschen Wogen
Sturmvoller Meer′ auf′s Neue zu befahren;
Kaum rückgekehret, wieder zu verlassen
Des Vaterhauses lang′ entbehrte Laren! -
Von deinem Schicksal fühlst Du Dich gezogen,
Die alte Unruh′ will Dich wieder fassen,
Dich ziehn nach jenen Straßen,
Zum Venusberg; wo, vom Magnet bezwungen,
Die Nägel fliegen aus der Rüstung Stahle,
So, daß entwaffnet stehn mit einemmale,
Die sich verirrt auf ihren Wanderungen;
Zum Zauberhaine, wo Du kaum den Drachen
Entrannst, die, erzgeschuppt, am Eingang wachen!

Doch eh′ sich Deine Sonne niedersenket,
Flammt sie noch einmal auf in voller Schöne,
Daß Dich das Ende mit dem ganzen Leben,
Dem marterreichen, scheidend noch versöhne! -
Wo sich der Schritt zu neuer Wandrung lenket,
Trägt Dich der Jubel; alle Arme streben,
Dich hoch empor zu heben,
Damit Italien froh des Anblicks werde!
Nach Rom hin ziehst Du in Triumphesprangen;
Aldobrandini eilt, Dich zu empfangen,
Und Clemens spricht, der Kirchenfürst der Erde:
»Wohl Andr′ empfangen Ruhm vom Lorbeerkranze,
Doch trägst Du ihn, gewinnt nur er an Glanze!

Und hin zum Kapitol will man Dich führen,
Dort vor dem Volke soll der Zweig Dich schmücken:
Die Glocken tönen, tausend Stimmen schallen
In alle Lüfte, Jauchzen und Entzücken!
Balkon′ und Fenster, alle Wege zieren
Prachtvolle Decken, wo der Zug soll wallen;
Was herrlich ragt vor Allen
Im Weichbild Roms, zieht hin mit Klang und Spiele,
Zu Sankt Onufrio′s frommem Ordenshause,
Wo gastlich Dir geöffnet eine Klause
Zu kurzer Rast, zum freundlichen Asyle!
Es naht der Zug, zur Feier Dich zu rufen -
Da sieht man todt Dich an der Pforte Stufen!

Zu andrem Feste hatte Dich indessen
Der abgerufen, der die Kränze spendet;
Der, wenn der Tag der Herrlichkeit erschienen,
Mit goldner Tuba seine Boten sendet!
Zum Kapitol, nach Sonnen auszumessen,
Geleiten Dich die Geister, die dort dienen
Am Throne von Rubinen! -
Dort wird ein Kranz die Stirne Dir umgeben,
Von Lorbeer nicht, von abgewelktem, fahlen,
Ein lichter Sternenkreis mit tausend Strahlen
Soll Dir, verklärend, ob dem Haupte schweben;
Die Erdenlieder aber, zu Akkorden
Sind sie des ew′gen Lobgesanges worden!


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Poem Submitted: Thursday, May 24, 2012

Poem Edited: Thursday, May 24, 2012


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