Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

(28 February 1790 - 16 March 1862 / Javorník)

Todtenkränze VII. - Poem by Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

Willst Du ein andres Dichterbild betrachten,
Komm′ über′s Meer, das Englands Strand bespület,
Und jene weißen Klippen, die es schirmen,
Erzürnt, in ew′ger Brandung rings umwühlet. -
Sieh grau Gewölk die Landschaft dort umnachten,
Dort, wo die Burg mit ihren alten Thürmen
Die Felsenbrust den Stürmen
Preis gibt, und kühn empor die Riesenglieder
Zum finstern, sternenlosen Himmel strecket! -
Horch, wie es saus′t! Die Krähen fliehn erschrecket! -
Die Wetterfahne rasselt hin und wieder
Im Zug der Winde, die der grauen Eichen
Verworrne Wipfel schauerlich durchstreichen!


»Tritt ein! - Leer sind die unbewohnten Hallen
Und einsam die Gemächer! Tiefes Schweigen
Herrscht in dem öden Hause ernst und strenge!
Kein Diener will sich zum Empfange zeigen,
Und nur die eignen Tritte hört man schallen,
Lang tönend durch die hochgewölbten Gänge!« -
Warum, Strahl der Gesänge,
Bist du entflohn aus diesen würd′gen Mauern?
Du Mund des Lieds, warum bist du verschlossen?
Gewalt′ger Quell, wo bist du hingeflossen? -
Euch, Genien des Orts, frag′ ich mit Trauern:
Wo ist die hohe Seele, die hier haus′te,
Die auf Orkanen fuhr, in Wettern braus′te?

Ja, ein Gewalt′ger war sonst hier zu schauen! -
Sein Athem war nicht Wehn der Sommerlüfte,
Die fächelnd aus den Lindenwipfeln dringen,
Vom Blüthenhauch gewürzt anmuth′ger Düfte!
Sein Lied war furchtbar wie Gewittergrauen,
Wenn es daher gefegt, auf mächt′gen Schwingen,
Die raschen Stürme bringen,
Und schwere Wolken, schauernd sich entladen
Vom Hagel, den ihr dunkler Schooß getragen! -
Der Ernte Segen sehn wir rings zerschlagen,
Und Regenströme die Gefilde baden;
Nur wo der Schleier des Gewölks zerrissen,
Lacht blauer Himmel aus den Finsternissen!

So wie die grausen Lieder der Dämonen
Zum Wahnsinn trieben, durch die wilden Klänge,
So fühlen wir das tiefste Mark erbeben,
Vernimmt das Ohr die furchtbaren Gesänge;
Und wie in den verdünnten Regionen
Des höchsten Luftraums, denen, die drin schweben,
Oft Athem stockt und Leben,
Und Blut entquillet den gepreßten Lungen:
So strebt die Seele, angstvoll, zu entrinnen,
Dem Zauberliede, mit betäubten Sinnen;
Bis daß der Magus, der den Kreis geschlungen,
Wenn′s ihm genehm ist Eure Angst zu enden,
Hohnlachend hebt den Stab, den Bann zu wenden!

Wohl lös′t der Schmerz sich in gerechte Klagen,
Wenn unsre Seele weilt vor solchem Bilde!
Nicht ein sangreicher Schwan, der über Auen
Hinschwebt, und grüne, lachende Gefilde,
Sehn wir durch heitre Lüfte Dich getragen;
Gleich dem einsamen Aar bist Du zu schauen
In öder Wüste Grauen,
Der sich vom Fels, auf dem er horstet, schwinget,
Und hoch und höher steigt, bis unsern Blicken
Die weitgedehnten Flügel ihn entrücken,
Hin, wo das Auge, das ihm folgt, nicht dringet!
Doch nicht die Sonne strebt er zu erreichen!
Er späht mit scharfem Blick umher - nach Leichen!



Unglückliches Gemüth, deß trüber Spiegel
So graß entstellt die Bilder widerstrahlet,
Die Leben und Natur, mit holden Zeichen,
In hellen Farben lieblich hat gemalet! -
Wohl auf der Stirne glänzt das Meistersiegel,
Dem Macht gegeben in den Geisterreichen,
Doch freut es Dich, im bleichen,
Unsichern Schein die Seele zu beirren! -
Nicht mehr Dich selbst vermag ich zu erkennen!
Prometheus Bild scheint vor dem Blick zu brennen,
Doch seltsam wechselnd, seh′ ich′s sich verwirren!
Bist Du Prometheus, der die Wunden fühlet,
Bist Du der Geier, der sein Herz durchwühlet?


Aus Newstead-Abbey war Er ausgezogen,
Aus seiner Ahnen altem, stillen Hause,
Wo theure Pfänder ihm zurückgeblieben;
Der Möwe gleich, die unstät im Gebrause
Des Sturms den Schaum abstreifet von den Wogen!
Wie Ahasverus ward er fortgetrieben
Vom Dache seiner Lieben!
Wie diesem, war ihm nie vergönnt zu rasten! -
Umsonst streift er umher auf weiter Erde
Das Glück im Kampf zu suchen und Gefährde;
Der dunkle Bann bleibt auf der Seele lasten,
Mag dicht am Abgrund er den Fels erklimmen,
Die kalte Fluth des Hellesponts durchschwimmen!


Und bald am goldbespülten Tajostrande,
Bald an der felsumragten Uferspitze,
Wo das Atlantenmeer, als Länderscheide,
Europa trennend von der Mauren Sitze,
Dem Mittelmeer sich eint mit schmalem Bande;
Wo dann, vermischt, hinrauschen stolz, voll Freude,
Die Nachbarfluthen beide;
Bald auf den Pyrenä′n, den sonnenhellen,
Zu deren Höhen aus dem Baskenthale
Der Felsensteg, der unwegsame, schmale,
Hinauf sich schlingt, dort, wo die jungen Wellen
Ausströmet der Adour - sieht man ihn ziehen,
Und vor sich selbst, so scheint′s, voll Unruh′ fliehen!

Bald mit den Todten, die im Kugelregen,
Auf jenem blutgetränkten Feld in Flandern,
Für goldne Meinung, und für Ehr′ und Treue
Verhaucht die Seelen, sehen wir ihn wandern! -
Ein Wehn der Geister säuselt mir entgegen!
O theure Erde, Platz der Todesweihe,
Mit frommer, heil′ger Scheue
Tritt dich der Fuß! Dich, mit dem edlen Staube
Gemischt von jenen tausend, tausend Herzen,
Die hier verblutet in dem Brand der Schmerzen,
Dem Schwert der Schlachten, dem Geschoß zum Raube;
Von Gluthen würdiger Begeist′rung trunken,
Sind sie in freud′gem Glauben hingesunken!

Bald auf der Gletscher Scheitel steht er sinnend,
Wo Wasserfälle tobend niedersausen
Zum Abgrund, den der Blick nur kann erreichen,
Indeß das Ohr kaum mehr das ferne Brausen
Des Stroms vernimmt, dem engen Thal entrinnend! -
So sehn von Land zu Land wir ihn entweichen,
Bis wo das bleiche Zeichen
Des Halbmonds schimmert von den Minaretten;
Jetzt in des Bosporus treulose Wellen
Stürzt er, durchschwimmt den Paß der Dardanellen
Zu Asiens Küste - sucht die alten Stätten
Verschwundner Größ′ - und sieht aus edlen Trümmern
Athen, Akrokorinth, Mycenä schimmern.

Bis er erreicht die Burg, die wallumthürmte,
Fern an der Schwelle vom Hellenenlande,
Aus jenes Inselmeers Lagunen steigend.
Ach! wüster Schutt, zerstört von Mord und Brande,
Ist nun die hohe, hundertmal bestürmte,
Ihr edles Haupt gesenkt zur Erde neigend! -
Es schweben, ernst und schweigend,
Im düstern Nachtgrau′n bleiche Geisterschaaren
Gefallner Helden, Kummer in den Mienen,
Um die geweihten, heiligen Ruinen,
Den ew′gen Lorbeer in den blut′gen Haaren! -
Hier fand sein Ziel des edlen Sängers Leben;
Kein würd′ger Grab konnt′ ihm das Schicksal geben!


Und überall, im gleichen wüsten Tone
Ergießt die finstre Brust sich wohl in Lieder;
Der Zauberstab haucht Leben in Gestalten,
Doch nur Dämonen steigen furchtbar nieder
In trotz′ger Wildheit, die mit kaltem Hohne
Ruchlos die Herzen quälen und zerspalten!
Die seligen Gewalten,
Die durch die Schmerzen reinen und belohnen,
Sind fremd dem Manne, dessen Zauberworte
Den Vorhang heben von dem grausen Orte,
Wo die Verdammniß und das Laster wohnen!
Und nirgends blinkt ein Strahl von Friedenslichte,
Und Höll′ ist nur, kein Himmel, im Gedichte!

»Und jenen Widerschein von Qual und Gluthen,
Hat ihn die Brust des Glücklichen geboren?
War′s ein beseligt Herz, in dessen Grunde
So lebentödtende Gebilde gohren?
Wann gab, getränkt von milder Sehnsucht Fluthen,
Es je von Lieb′ und Vaterfreuden Kunde,
Von segenvollem Bunde
Beglückter Häuslichkeit, von Gott und Frieden?
Wann sang es Trost, wann sang es edle Schmerzen?
Zermalmt hat es - wann hob es andre Herzen? -
Beneid′ es, wenn Du kannst! - Und doch beschieden
War jenem Mann der Kranz! Wohlan, bekenne,
Ob man in Wahrheit wohl ihn glücklich nenne?


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Poem Submitted: Thursday, May 24, 2012

Poem Edited: Thursday, May 24, 2012


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