Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Vom kleinen Alltag - Poem by Anton Wildgans

1.

Nicht ist so rührend wie die Habseligkeiten
Der Toten, ihre Kleider und Wäsche und alle
Die kleinen verlassenen Gegenstände. Sie liegen
So arm umher und warten, daß wieder Hände
Sie nehmen mit wärmenden zärtlichen Fingern.
Sie frieren so sehr und haben auf einmal Augen,
Die bitten, sie nicht zu verachten. Aber da kommen
Die Menschen, sie teilend nach Wert und Unwert legen,
Was brauchbar, beiseit und häufen das andre zusammen.
So manches findet sich da. Hier hat sich der Tote
Noch neue Brillen gekauft, in seiner Brieftasche
Sind noch Marken und in der Schreibtischlade
Drei, vier Zigarren, gespart für besonderen Anlaß.
Nun nimmt sie der Erbe und prüft sie, ob sie auch trocken.
Dann zündet er eine sich an und raucht sie ...


2.

Man muß die Frauen der kleinen Beamten sehen,
Den Korb am Arm, wie sie einkaufen und bei den Ständen
Der Grünzeughändler stehen, aus den Gemüsen
Das Billigste wählen und da noch zu feilschen versuchen.
Lang währt solcher Einkauf, und oft muß die Hand,
Die mühsam gepflegt und weiß erhaltene,
Was schon ergriffen, wieder hinlegen, weil es
Zu teuer. Aber die Blicke ruhn noch darauf.
Da kommen und drängen sich dicke Köchinnen vor
Und fassen mit roten, rohen, unbedenklichen Händen
Nach diesem und jenem, was kostbar und gut ist, und kaufen
Mit fremdem Gelde für Leute, die sie nicht lieben.
Und jene hätten das zarte Gemüse, das junge,
Dem müden Manne süß sorgend bereitet als erste
Gabe des Frühlings - nur um ein Lächeln.


3.

Die armen Leute ziehen am Sonntag hinaus
Ins Grüne. Sie nehmen sich Kaltes und Brot mit. Dann liegen
Sie auf den Wiesen und lassen die Sonne scheinen
In ihre enterbten Gesichter, dehnen ihre Körper
Im Gras und fühlen der duftenden Erde kühle
Berührung. Die blonden blutleeren Mädchen lachen
Zuweilen und haben die Hände voll Blumen. Die Frauen
Berechnen, indes sie stricken, die Kosten des Tages.
Die Männer sind müde und schlafen bis gegen Abend.
Dann wandern sie an den Gärten vorüber, aus denen
Musik und lichter locken, der Duft von Speisen
Und das Gesumme vieler fröhlicher Menschen.
Da klagen die Kinder: Hunger! und sind von den Zäunen
Der hellen Gärten nicht wegzubringen. Aber
Der Vater sagt herb: Das ist nichts für uns ...


4.

Arbeiter reißen die Straße auf - Nun läuten
Die Glocken zu Mittag. Da klirrt der erhobene Arm mit
Dem Spaten noch einmal nieder. Dann gehen sie langsam
Zu ihren Röcken, die wie ein Haufen von Lumpen
Am Straßenrand liegen, und nehmen aus ihren Taschen,
Gewickelt in alte Zeitung, ihr Essen. Aufrecht
Stehend lehnen sie ihre verkrümmten Rücken
An eine Mauer im Schatten. Andere liegen,
Die Pfeife rauchend, der Länge nach auf dem Boden.
Andere schlafen. Alle schweigen. Die Sonne
Glüht senkrecht herab. Nur manchmal ein Luftzug treibt einen
Der weggeworfenen Zeitungsfetzen raschelnd
Über das Pflaster. Ein alter zerlumpter Mensch
Kommt da um die Ecke und bückt sich mühsam nach jedem
Papiere, faltet es sorgsam und gibt es in einen
Korb wie was kostbares. Immer sind andre noch ärmer.


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Poem Submitted: Thursday, May 31, 2012

Poem Edited: Thursday, May 31, 2012


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