Anton Wildgans

(17 April 1881 - 3 May 1932 / Vienna)

Weimar - Poem by Anton Wildgans

Endlich in Weimar. Ich wollte Goethen besuchen.
Doch sie sagten mir dort, Goethe, der wäre schon tot.
Seit dem Jahre achtzehnhundertundzweiunddreißig
Läg' der Geheimerat in der fürstlichen Gruft.
Abend war es und Sonntag, die Straßen voll heiteren Treibens,
Wie es der Bürger liebt an dem Tage der Rast.
Aus den Schänken ertönte Musik von Klavieren und Geigen,
Auch Mandolinengezirp jugendlich wandernder Schar.
Alles beachtend schritt ich dahin und las in den Zügen der Leute,
Ungewöhnliche Spur sucht' ich in jedem Gesicht.
War er auch nicht, der Große, in Weimar zur Welt gekommen,
War er auch anderen Bluts als dies schlendernde Volk,
Ähnlichkeit bewirkt doch auf geistigem Wege die stete
Nähe gewaltigen Manns, wie uns die Wissenschaft lehrt.
Und kaum dachte ich dies, so durchfuhr's mich wie holdes Erschrecken:
Gretchen kam da des Wegs. Ebenso sah es wohl aus.
Hatte den Strohhut am rundlichen Arme baumeln, die Haare
Ährenblondestes Gold, zierlich zu Zöpfen gedreht.
Milch und Blut die Wangen, der Gang von reizendstem Anstand,
Unschuld im träumenden Blau sittsam heiteren Blicks.
Und schon kam geschritten aus altertümlichen Gäßchen —
War er's am Ende nicht selbst? — Hofrat Meyer, der Freund.


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Poem Submitted: Thursday, May 31, 2012

Poem Edited: Thursday, May 31, 2012


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