Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

(25 August 1802 - 22 August 1850 / Schadat)

Die nächtliche Fahrt - Poem by Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

Zu öd und traurig selbst den Heidewinden
Sind diese winterlichen Einsamkeiten,
Nur Schnee und Schnee ringsaus in alle Weiten,
Nur stiller, keuscher, kalter Tod zu finden.

Hier ists umsonst, nach frohem Ton zu lauschen,
Singvögel sind geflohn von diesem Grabe,
Der Schnabel in die Federn hüllt der Rabe,
Und eingefroren ist der Bäche Rauschen.

Sieht man den Wald so tief in Tod versunken,
Will mans nicht glauben, daß er jemals wieder
Aufgrünt im Lenz, daß je hier seine Lieder
Ein Vogel singt, vom Frühlingshauche trunken.

Es glänzt der Eichenwald in Eisesklammern;
Jetzt Wölfe heulen am verschneiten Grunde,
Wie Bettler, hungerwach, in nächtger Stunde
Am Grabe eines milden Königs jammern.

Dort fährt ein Schlitten auf der blanken Wüste,
Der Kutscher treibt die ausgestreckten Pferde,
Als ob mit seinem Fuhrwerk er die Erde
Vor Sonnenaufgang noch umrennen müßte.

Drei Hengste sinds, rasch wie des Nordens Lüfte,
Ein jeder trägt das werte Probezeichen
Der Schnelligkeit im rüstigen Entweichen,
Die Narbe des Wolfsbisses an der Hüfte.

Ein Glöcklein trägt das Mittelroß der Gabel,
Zum Glöcklein tanzend fliehn vorbei die Bäume
Am Schlitten, trüb, wie schnellvergeßne Träume,
Der Wald entflieht wie eine bleiche Fabel.

Die schnellen Renner sind mit Eis behangen,
Das klirrend an den schwarzen Mähnen zittert,
Der Rosse Rücken ist mit Reif umgittert:
Der Tod will sie mit kaltem Netze fangen.

Gekauert sitzt, gehüllt vom Bärenkragen,
Der Wojewod im Schlittenkorbgeflechte
Still hinter seinem pelzverhüllten Knechte,
Der manchmal pfeift, die Pferde anzujagen.

Dem Schlitten folgt in klarer Mondeshelle
Ein zweiter nach, mit gleichgeschwinden Rennern,
Befrachtet auch mit zwei verhüllten Männern,
Und auf der Heide klingelt seine Schelle.

Die Nacht ist grimmig kalt; o Wandrer melde
Den Schlaf; hörst du das Glöcklein nicht mehr schlagen,
So wirds vom Rosse dir vorangetragen,
Dein wandernd Sterbeglöcklein auf der Heide.

Der Bäume Leben floh zum Grund hinunter;
Gib, Wandrer, acht, daß nicht auch deine Seele
Zu ihrem Grunde sich hinunterstehle,
Wenn du einnickest; Wandrer, halt dich munter!

Bist du ein Jäger, denke an ein Wildern;
Hast du ein Lieb, denk an ihr süßes Lager;
Wenn Haß dich wurmt, der scharfe Herzensnager,
So halt dich wach und warm mit Rachebildern! -

Ha! Wölfe! seht, ein ganzes Rudel Tode!
Sie folgen, eine nachgeschleifte Kette,
Die Todesangst, der Hunger rennen Wette,
Und ohne Furcht bleibt nur der Wojewode.

Es kracht der Schnee, schnell sind die grauen Horden,
Doch schneller sind, gottlob! die braven Hengste,
Die Rappen sind im Drang der Todesängste
Plötzlich wie junge Raben flügg geworden.

So fliehn sie weite Strecken, angstgetrieben;
Die Männer schießen schreckend die Gewehre
Vom Schlittenborde nach dem grausen Heere,
Bis nach und nach es ist zurückgeblieben.

Nun halten sie; die Pferde dampfend schwitzen
Und schnauben aus den Nüstern sich das Bangen;
Drei treten in die Schenke und verlangen
'nen Becher Wein, doch bleibt der Woiwod sitzen.

Da springt der Wirt, ein Jude, an den Schlitten
Und macht dem Gaste tiefe Reverenzen:
»Darf ich, Herr Wojewod, Euch nicht kredenzen
Wein, Brot und einen feinen Bratenschnitten?«

Und mit Gelächter ruft der Kutscher drinnen:
»Dem schmeckt kein Braten und kein Gläschen Roter,
Der ißt nicht, trinkt nicht, friert nicht, ist ein Toter,
An dem, Hebräer, wirst du nichts gewinnen!

Im Zweikampf ist der gute Herr geblieben,
Sein Erzfeind, Russe, hat ihn totgeschossen;
Ich fahre meinen schweigenden Genossen
Heim in die Gruft vorausgegangner Lieben.

Bald aber hätt ich ihm die Treu zerrissen,
Denn wären uns die Wölfe näher kommen,
So hätt ich ihn nicht weiter mitgenommen,
Ich hätt ihn, uns zu retten, hingeschmissen.

Ich meine immer noch sein Blut zu schauen,
Wies rauchend in den weißen Schnee gequollen,
Wie sichs nicht bergen konnte in den Schollen;
Das Bluteis darf im Frühling erst zertauen!«

Sie fahren weiter mit verhängtem Zügel
Fort über Brücken, Zäune, Teich' und Bäche,
Denn alles hat der Schnee gefüllt zur Fläche
Und gleichgefegt der Wind mit seinem Flügel.

Nur manchmal blickt der Kutscher nach dem Toten;
Noch sitzt er da, das Haupt vorunterneigend,
Wie er gesessen, unbekümmert, schweigend,
Als hinterher die grimmen Wölfe drohten.

Das Mordblei, das den Wojewoden fällte
Und stecken blieb in seinem Eingeweide;
Der Schnee, der rings bedeckt Podoliens Heide;
Sein Herz - sind alle drei von gleicher Kälte.

Der Wind erwacht und rasselt an der Föhre,
Das Glöcklein schallt, es dunkelt vor den Rossen,
Am Himmel zieht der bleiche Mond verdrossen
Den Wolkenmantel zu, als ob er fröre. -

Das mahnt uns an die Träume eines Zaren,
Der gerne möcht in winternächtgen Stunden,
Das Ruhmesglöcklein an sein Roß gebunden,
Das tote Polen durch die Heide fahren.

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Poem Submitted: Tuesday, May 22, 2012

Poem Edited: Tuesday, May 22, 2012


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