Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

(25 August 1802 - 22 August 1850 / Schadat)

Faust. Der Traum - Poem by Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

Matrosen singen hell ihr Abendlied,
Das kaum noch von der Sängerlippe schied,
Schon ohne Widerhall im Meere schwindet,
Wo Menschenstimme keinen Anklang findet;
Im Meer, das fremd und stolz, in kalter Größe,
Nicht rückhallt selbst des Himmels Donnerstöße.
Sanft kräuselnd regt die milde Luft das Meer,
Und drängt den Segler sachte vor sich her,
Wie ihren Liebling die verschämte Maid,
Der kühn um einen Kuß der Liebe freit,
Mit weicher Hand von ihrem Busen drängt,
Und doch in seinen Armen sich verfängt.
Die Sonne neigt hinunter sich im Westen,
Noch zittert auf der Flut ihr Schimmerpfad;
Ein Weilchen harrt, gleich diesen Strahlenresten,
Die lichte Spur von einer edlen Tat.
Auf weitem Meer ist es ein freudig Grauen,
Den Untergang der Sonne anzuschauen;
Im Augenblicke, wo die fremde See
Die Lebensfreundin Sonne ihm verschlang,
Durchzuckt des Wandrers Herz ein dunkles Weh,
Er sieht die Fluten dämmern heimlich bang,
Beschleichen mag auf irren Meeresstraßen
Den Wandrer ein Gefühl, daß er verlassen;
Zum Himmel hebt er dann die Blicke gerne
Und sucht den Gruß der heimatlichen Sterne,
Die nie dem Menschenherzen näher kommen,
Als wo der Gruß der Erde ihm genommen,
Die nie die Seele himmlischer beflügeln,
Als auf des Meers bewegten Grabeshügeln.
Wird solch Gefühl, o Faust, dein Herz beschleichen?
Erinnerung die Seele dir erweichen? -
Ihm naht des Schiffes Kapitän und spricht,
Hindeutend auf der Sonne letztes Licht:
»Der Sonnenuntergang regt mich zu denken
Wohl jedesmal an eine bittre Stund',
Als ich die tote Mutter mußte senken
Vom Bord hinunter in den Meeresgrund.
Es war ein Augenblick trüb, kummervoll,
Wie wenige so schmerzlich ihn erfahren,
Solang ich noch hienieden lebe, soll
Das Herz mir seinen Kummer treu bewahren.
Da lag sie auf dem Brette ausgestreckt,
Die mich geboren, segeltuchbedeckt,
Zu Füßen ihr gefügt ein Sack mit Sand,
Und harrend lehnt das Brett am Schiffesrand,
Ein kurz Gebetlein - der Matrose schnellt
Vom Brett die Tote lächelnd ab - sie fällt,
Und lange, lange sah ich sie noch sinken
Und mir mit ihrem weißen Tuche winken.
Von dannen zog das Schiff, mir war so schwer,
Daß ich allein die Mutter mußte lassen,
Wenn auch schon tot, im weiten, fremden Meer,
Wo sie die kalten Ungeheuer fassen.
Und wenn ins Meer versinkt der Sonne Schein,
So fällt mir immer meine Mutter ein.« -
Faust aber spricht: »Ihr seid mir wunderlich;
Wie konntet Ihr auf rauhem Meere fahren,
Und doch so weiche Sitten Euch bewahren?
Ganz anders stimmte diese Reise mich.
Was einst mich freute von den Erdengaben,
Was mich, weil ich's verloren, einst gekränkt,
Der Erde ganze Lust hab ich versenkt
Ins tiefe Meer, und ihren Schmerz begraben.
Mir war das Meer des Schmerzes hohe Schule,
Hier mag er würdig aufzuflammen lernen
Nur nach dem Ew'gen, leider ewig fernen,
Und daß er nicht nach dem Erschaffnen buhle.
Ein mächtig Wort: 'Verachtung des Erschaffnen!'
Ich hab's erfaßt, daß es von Schuld mich heile,
Denn fernher schnellt Erinnrung ihre Pfeile,
Und nur der Stolz kann gegen Reue waffnen.« -
Indessen schwand der Sonne letzter Schimmer,
Und leer und schlaff die Segel niederhangen,
Der Wind ist mit der Sonne schlafen gangen,
Die Wellen werden leiser, dunkler immer. -
Auf seinem Lager, schlummerharrend, liegt
Der Wandrer Faust, das Auge zu, das Ohr
Dicht an des Schiffes Bretterwand geschmiegt,
Schlaflieder murmelt ihm der Wellenchor.
Faust hört vergnügt im sanften Meerestosen
So nah den Tod an seinem Haupte kosen.
Bald ist's ein Rieseln, ein Geflüster bald,
Dann wieder ein geheimnisvolles Klingen,
Als wenn die Winde über Wies' und Wald
Den Rest verstreuter Glockentöne bringen;
Nun braust es dumpf, wie Wasserfälle rauschen
Wie vom Gebirge hirtliche Schalmeien,
Nun wieder hört ein träumerisches Lauschen,
Von fernem Spielplatz lust'ge Kinder schreien.
Faust höret wirrer stets des Meeres Wallen,
Der Übermacht des Schlafes heimgefallen. -
Je trotziger ein Mann, auf sich gestellt,
In stolzer Einsamkeit sich seine Welt,
Je tiefer muß er fühlen in der Nacht,
Wenn allgemach die Sinne ihm versiegen,
Wie süß es ist, des Schlafes weicher Macht,
Dem Mutterkusse der Natur erliegen.
Bald hat die Seele Fausts ein Traum berührt,
Der sie an leichter Schöpferhand entführt.
Der Träumer steht auf einem Inselstrand,
Von Meer umflutet rings, das nirgends endet,
Ein Blütenwald vom unbewohnten Land
Die Frühlingsdüfte in die See verschwendet.
Bezaubernd klingt die tiefe Einsamkeit
Im Vogelsang, von Störung nie bedroht,
Der Liebe Lust, der Sehnsucht süßes Leid,
Im Osten strahlt ein helles Morgenrot.
Die Wellen glühn und singen Wonnelieder,
Melodisch lockt zu sich die Tiefe nieder.
Der Träumer lauscht und meint sie zu verstehen,
Und jeden Gruß, den Frühlingslüfte wehen;
Und lange lauscht er, wunderbar beklommen,
Der Luft, des Meers so heimatlichen Sprachen:
Nun sieht er plötzlich, ostenher geschwommen,
Dem Untergang zugleiten einen Nachen;
Vorüber treibt am Eiland ihn der Wind,
Da wandert eine Frau mit ihrem Kind.
Ein schönes Kind, mit goldnem Lockenhaar,
Die Augen wie der Morgenhimmel klar,
Des Mundes Lächeln seliges Genügen,
Die Ruh' der Unschuld in den holden Zügen.
Wie sie an Faust vorüberfahren dicht,
Blickt ihm die Frau gar traurig ins Gesicht.
»O Mutter!« ruft er aus, - mit stillem Weinen
Legt sie die Hand hindeutend auf den Kleinen:
»So warst du einst!« Das war ihr stummes Klagen,
Und schon hat sie die Flut dahingetragen.
Faust starrt ihr nach und seinem Kindesbild,
Und wie sie fort und immer ferner schwimmen,
Verstummen in dem Wald die Frühlingsstimmen,
Der Wind, die Wasser rauschen fremd und wild.
Und Abend ist's, mit wildem Satze sprang
Die Sonne plötzlich in den Untergang,
Am Himmel rollt einher ein schwarz Gewitter,
Der Sturm zerreißt den Blütenwald in Splitter,
Und Blitze fahren, laute Donner krachen,
Und auf den Wogen kommt ein andrer Nachen.
Da wandert eine starre, schreckensbleiche
Jungfrau mit einer starren, blassen Leiche.
Wie sie an Faust vorüberfahren dicht,
Da blickt sie ihm gar traurig ins Gesicht:
»Den schlugst du tot!« Das war ihr stummes Klagen
Und schon hat sie der Sturm dahingetragen.
»Maria!« ruft er aus - und ist erwacht,
Und eilt aufs Deck, und jagend irrt umher
Sein Blick, noch trunken von des Traumes Macht,
Und sucht das Boot im sturmbewegten Meer.
Hier aber ist kein Sturm, hier ist kein Nachen,
Das Meer ist still, nur Mond und Sterne wachen.
Als die Gestirne ihm ins Antlitz leuchten,
Erwacht er ganz, es flieht des Traumes Deuchten.
Das Meer ist still, nicht eine Welle ruft,
Und lauschend stehngeblieben ist die Luft;
So still die Nacht, man hört des Herzens Klopfen,
Und schier den Tau vom Himmel niedertropfen,
Und schier den Mondstrahl auf das Wasser fallen,
Und schier das Trauerlied der Zeit verhallen. -
Wie Faust hineinsinnt in das tiefe Schweigen,
Da kommt Mephisto, spricht: »Es ist doch eigen,
Darein kann mein Geschmack sich gar nicht schicken,
Abscheulich ist die Stille, zum Ersticken.
Ich will vom Schlafe die Matrosen holen,
Daß sie noch einmal ihre Lieder johlen.
Nach deinem Traum bist du viel ernster, blasser;
Ich höre lieber die Matrosen singen
Ihr gellend Lied, als auf das stille Wasser
Die Tränen deiner Rührung niederklingen!«
»Still, störe nicht mit deinem scharfen Schrei
Die Nacht; die Zeit der Tränen ist vorbei.
In Wolken sind die Sterne dort verkrochen,
Wie Kinder sich verkriechen in die Decken,
Wenn sie an ihrem eignen Traum erschrecken.
Der ist ein Kind, den Träume unterjochen.
Mein traumgehetztes Blut mag schneller jagen,
Mein Herz aufschrecken, trauern und verzagen;
Doch wenn auch bei phantastischen Gewittern
Mir Nerv und Ader, Erdenkinder, zittern,
Erwach ich, bin ich Herr in meinem Haus
Und werfe den Gespensterspuk hinaus.
Doch ist's ein Übel, daß ich Träume habe,
Wann Schlaf gefesselt meine Willensmacht,
Die lüstern, wie Hyänen, in der Nacht
Die Toten mir aufwühlen aus dem Grabe.
Dann hilft es nichts, daß ich den Wahn vernichtet,
Und hoch den Turm Verachtung aufgerichtet,
Von dem ich wachend auf das Märchengrauen
Von Schuld und Reu' mag fest herunterschauen;
Die Träume, ungelehr'ge Bestien, schleichen
Noch immer nach des Wahns verscharrten Leichen!«
So hadert Faust zur Flucht ein weich Gefühl,
Den Rest des Traumes, während feucht und kühl
Nachtnebel übers dunkle Meer hinschweifen
Und seine trotzigheiße Stirne streifen.

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Poem Submitted: Tuesday, May 22, 2012

Poem Edited: Tuesday, May 22, 2012


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