Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

(25 August 1802 - 22 August 1850 / Schadat)

Faust. Die Lektion - Poem by Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

Minister
Geehrte Herrn, ich bin entzückt,
Daß mir zu finden ist geglückt
Ein paar so köstliche Talente.
O daß ich doch die Mittel kennte,
Zu lohnen solche Trefflichkeit!

Mephistopheles
Wir sind zu Eurem Dienst bereit.
Talente, Herr, von unsrer Art
Sind für gemeinen Lohn zu zart;
Für mich und diesen Musensohn
Ist's reichlicher Genuß und Lohn,
Zu sehn, wie unsre Phantaseien
So recht verfangen und gedeihen.

Minister (zu Faust)
Ihr also, hochgelahrter Mann,
Dem sich kein Stern der Fakultäten
In artibus vergleichen kann,
Ihr seid vorerst von mir gebeten,
An meines Fürsten Trauungsfeier
Zu schmücken morgen Eure Leier
Mit einem feinen, blühend warmen,
Und schmeichelhaften Hochzeitscarmen;
Daß Ihr darin den hohen Geist,
Die unvergänglich großen Werke,
Die Tapferkeit des Königs preist,
Und seine schöne Jugendstärke.
Auch lasset über Eure Saiten
Der Braut erhabne Zierden gleiten,
Mit denen wirklich sie begabt,
Und solche die sie nie gehabt,
So, daß sie selbst nicht unterschiede
Die wahren und die angesungnen
Liebreize in dem schlauverschlungnen
Ganz meisterhaften Hochzeitsliede.

Faust
Ich will, was meine Kräfte können,
Das Fest mit einem Liede zieren;
Doch müßt Ihr mir die Ehre gönnen,
Es dann auch selbst zu deklamieren;
Kein andrer spricht wie der Poet
Ein Lied, das ihm von Herzen geht.

Minister
Ihr tätet zwar mir eine Liebe,
Wenn morgen mir die Ehre bliebe,
Was Ihr gedichtet vorzutragen,
Doch will ich dem Gewinn entsagen.

Mephistopheles
Das Lied wird gut, ich steh dafür,
Ihr klopftet an die rechte Tür.

Faust (abgehend)
Ich will im Schatten jener Fichten
Euch die bestellten Verse dichten.

Minister (zu Mephistopheles)
Und Ihr, hochpreislicher Scholast,
Ihr wißt gewiß so manches noch,
Was recht in meine Pläne paßt;
Fahrt fort in Euern Reden doch.
Es unterbrach Euch, o verzeiht,
Die Hochzeitsangelegenheit.
Ihr seid mein Mann, noch fand ich nie
Solch ein politisches Genie.
Vielwerter Freund, habt doch die Güte
Und laßt mich weiden an der Blüte
Der Staatsweisheit, die Ihr gefunden
In so beglückten Forscherstunden.

Mephistopheles
Das erste also, wie gesagt,
Wird immer sein: Das Volk geplagt.

Minister
Wenn aber sich das Volk empört?

Mephistopheles
Nur in zwei Fällen bricht's das Gitter:
Wenn Ihr's geplaget allzubitter,
Wenn Ihr's zu plagen aufgehört;
Steht das Euch nicht im hellsten Lichte,
So seid Ihr schwach in der Geschichte.

Minister
Ich geb es zu; doch nennet, was
Gibt uns der Plage rechtes Maß?

Mephistopheles
Ihr Herrscher über Volk und Land,
Das ist der Klugheit rechter Stand:
Verkümmert stets, doch nie zu scharf,
Dem Volk den sinnlichen Bedarf,
Und lenket so all sein Begehren
Nach dem, was Ihr ihm könnt gewähren.
So wird es, nach dem Nächsten greifend,
Niemals weitsichtig, überschweifend,
Nach dem gelüsten frechverwegen,
Was nicht in Eurer Macht gelegen.
Das Volk sich gerne selbst belügt,
Es ist am Ende hochzufrieden,
Und untertäniglich vergnügt,
Wenn ihm des Zwingherrn Huld beschieden,
Was ohne ihn und seine Kette
Das dumme Volk von selber hätte.

Minister
Der Grundsatz klingt für mich entzückend,
Und ist gewiß auch volkbeglückend;
Doch türmen sich ihm allerwegen
Der Feinde gar zu viel' entgegen.

Mephistopheles
Der schlimmste Feind für Euer Wirken
Ist der Gedanke, der da feiert,
Als Vagabund entfesselt steuert
Nach fernen, luftigen Bezirken.
Laßt Ihr ihn ziehn vom Heimatstrand
Fort in die offne, weite See,
So schleppt er Euch zurück ins Land
Das Bild von jener schönen Fee,
Der Freiheit, die auf ferner Insel
Von Geistern wohnt; - das Volk wird toll,
Und: Freiheit! Freiheit! sehnsuchtsvoll
Ruft dann sein Fluchen, sein Gewinsel.

Minister
Wie fügte sich der ewig schwanke,
Nie festzuhaltende Gedanke?

Mephistopheles
»Verkümmert stets, doch nie zu scharf,
Dem Volk den sinnlichen Bedarf.«
O haltet fest an diesem Worte.
Wie Weingeistsflamme, der Retorte
Dienstbar, muß Elixiere kochen,
Sollt Menschengeist Ihr unterjochen,
Soll's Feuer Eurer Sklavenköpfe
Dem Magen heizen seine Töpfe.
Will jemals von den Nutzgeschäften,
Daran Ihr müßt die Geister heften,
Sich der und jener dispensieren,
Sich ins Ideenreich verlieren,
Will er in Schriften gar den Knechten
Einraunen was von Menschenrechten:
So müßt Ihr solche Herrscherplagen
In ihrem Keime gleich erschlagen.
Ich rat Euch hier das beste Mittel:
Wie für die Taten einst die Alten
Zensoren hielten, sollt Ihr halten
Zensoren als Gedankenbüttel.
Ja, so ein Zensor, so ein echter,
Ein unerbittlich scharfer Wächter
Und tapferer Gedankenwürger,
Der leider! erst zum Heil der Bürger
In fernen, schönern Zeiten sproßt,
Das wäre so mein Augentrost!
Einst schlief ich unter grünen Bäumen,
Da ist sein Bild mir klar erschienen,
In meinen patriotischen Träumen:
Wie er mit lieben Forschermienen
Gedanken greift auf ihrer Flucht,
Und ihre hüllenden Gewande,
Jed' Fältlein lüftend, streng durchsucht,
Ob sie nicht führen Contrebande
An allerlei verruchten Dingen,
Ob sie ein Liebesbriefelein
Der Freiheit wollen überbringen,
Und ein gefährlich Stelldichein. -
Mir ward in jenen Visionen
Beglückter Zukunft schönster Gruß:
Ich sah das Heer von Maulspionen,
Welch ein prophetischer Hochgenuß!
Wie Jäger, einen Fuchs zu prellen,
Ans Loch des Baus ihm Schlingen stellen,
Drein sich der Lose muß verfangen,
Treibt ihn aus seiner dunklen Schluft
Hinaus vorwitziges Verlangen
Nach freier frischer Waldesluft:
So schaut' ich damals mit Ergetzen
An Menschenmundes offner Pforte
Spione lauern und die Worte
Auffangen mit Verrates-Netzen.
Hat es die Politik gebracht
In ihrer Kunst zu solchen Flügen,
Dann ist begründet Eure Macht,
Dann ist Regieren ein Vergnügen.

Minister
Nur seufzend kann ich nach dem Eden,
Das mir aufblüht in Euern Reden,
Und hoffnungslos hinüberschauen;
Unüberspringlich weite Klüfte
Gräbt mir mein Fürst, der - im Vertrauen -
Etwas gewissenhaft Verblüffte.

Ein Hofbedienter (mit Erfrischungen kommend)
Verzeihen, Herr Minister, hohe Gnaden,
Daß ich ein Störer, bei des Abends Schwüle,
Aufmerksam dienend, mich gedrungen fühle,
Zu einiger Erfrischung einzuladen.

Minister (zu Mephistopheles)
Mein trefflicher Kollege, laßt
Euch von dem Obste was belieben;
Ich pfropfte selbst den braven Ast,
Der diese Pfirschen mir getrieben,
So farbig frisch und saftgeschwellt;
Nehmt von den Pflaumen, wenn's gefällt,
Kühlt Euch an dieser edlen Traube,
Gepflückt von meiner Lieblingslaube.

Mephistopheles
Viel Dank, viel Dank; ich find es eben
Im Garten hier nicht gar so heiß,
Wie dieser Bursche vorgegeben
In seinem dienerischen Fleiß.
Natur kommt mit Erfrischungsfrüchten
Etwas post festum angezogen,
Wenn schon die Sommerglut verflogen,
Und 's Laub will von den Bäumen flüchten;
So bringt die Weisheit ihre Kühlung
Im Nachtrab stets der Leidenschaft,
Wenn's aus ist mit der heißen Fühlung,
Wenn schon von selber friert die Kraft,
Und Tod sich nistet in die Glieder.
Auch ist mir überhaupt zuwider
Das Obst, an dem sich Kinder laben,
Und die noch was vom Kinde haben.
Ihr beißet da mit solcher Lust
Den Pfirsich, daß der Bart Euch saftet;
Dran seh ich, was ich längst gewußt,
Daß Ihr noch sehr am Wahne haftet.
Ihr habt noch viel zuviel vom Kinde;
Und weil ich wollt' aus Eurem Herzen
Die letzte Spur vom Kinde merzen,
Darum ich mich vor Euch befinde.

Minister
Ihr seid sehr wunderlich, Scholast!
Ich sah noch niemals Euresgleichen;
Betracht ich Euch genauer, fast
Will mich's unheimlich überschleichen.

Mephistopheles
Laßt das, mein Gönner; lieber seht
Den Burschen hier Euch schärfer an,
Im Knechteskittel angetan,
Wie dem die Sklavenmiene steht!

Minister (zum Bedienten)
Entferne dich. -

(Zu Mephistopheles)

Ihr habet recht,
Geboren scheint er mir zum Knecht.
Mein Freund, es ist wahrhaftig köstlich,
Und sehr für unsre Hoffnung tröstlich,
Daß so die Menschen ein Behagen
Am Sklaventum im Herzen tragen;
Es ist durchaus nicht zu verkennen,
Sie lernen leichter Sklavensitten,
Als daß sie Freiheit an sich litten,
Für die sie doch so leicht entbrennen.

Mephistopheles
Und also, meint Ihr, müsset freilich
Ihr guten Herren euch bequemen,
Des Herrschens Last auf euch zu nehmen,
Damit die andern recht gedeihlich
Und ungestört dem süßen Triebe
Der Sklaverei sich widmen können;
Den andern ihre Lust zu gönnen,
Seid ihr das Opfer eurer Liebe.
Vergeßt Ihr meine Worte nicht,
Könnt Ihr ein großer Staatsmann werden.
Gebt Eurem Herrn auch Trost und Licht
Zu seinen fürstlichen Beschwerden.
Nun aber kann ich nicht mehr weilen,
Ich muß zu meinem Doktor eilen.

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Poem Submitted: Tuesday, May 22, 2012

Poem Edited: Tuesday, May 22, 2012


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