Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

(25 August 1802 - 22 August 1850 / Schadat)

Faust. Die Reise - Poem by Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau

Faust
In jener Nacht, an jener stillen Leiche
Sprachst du das kecke Wort, das folgenreiche:
»Den Menschen gab der ewige Despot
Für ihr Geschick ein rätselhaft Gebot;
Nur dem Verbrecher, der es überschritten,
Wird's klar und lesbar in das Herz geschnitten.«
Wie wahr! wie falsch! der Mensch wird ewig irren;
Doch wenn Erkenntnisdurst ihn glühend plagt,
Muß er vom reichen Strome unverzagt
Einschöpfen mit den sämtlichen Geschirren,
Er muß ihn mit der Liebe und der Treue,
Und mit der Herzensfurche tiefer Reue,
Mit Kampf und Hoffnung, unversöhntem Hassen,
Und mit den Sinnen der Verzweiflung fassen.
Wie wenig, ach wie wenig dem Verlangen
Kann er auch so vom großen Strom empfangen!

Mephistopheles
Das ist wohl wahr, doch frag ich vor der Hand,
Warum du mich beschiedst an diesen Strand?

Faust
Ich will nun fort, hinaus ins Meer,
Das ist so einsam, wild und leer,
Das blüht nicht auf, das welkt nicht ab,
Ein ungeschmücktes, ewiges Grab.
Dort zwischen Wogen, zwischen Winden
Soll mir der letzte Kummer schwinden.

Mephistopheles
Wenn dich's nach einer Fahrt gelüstet,
Schon hab ich dir ein Schiff gerüstet,
Mein wackrer Herr, wie keines je
Gesehen ward auf aller See.

Faust
Wo steht's? ist auch dein Teufelswrack,
Wie es verlanget mein Geschmack?

Mephistopheles
Du siehst es in der Dämmrung kommen
Dort stattlich still herangeschwommen;
Und bis es mag zum Strande treiben,
Will ich's ein wenig dir beschreiben.
Setz dich indes auf diese Scheiter,
Sei wieder auch ein wenig heiter.
Dies Rückwärtsdenken, Vorwärtsgrübeln
Muß ich als Freund dir sehr verübeln.

Faust
Wenn nicht das böse Grübeln wäre,
So stünd' ich jetzo nicht mit dir am Meere.
Doch mache mir des Schiffs Beschreibung
Mit der gewohnten Übertreibung.

Mephistopheles
Das Schiff geht stets nach unserm Willen,
Im wind'gen Meere, und im stillen;
Es ist vollkommen windgerecht,
Denn jeder Wind ist unser Knecht,
Ein jeder muß uns vorwärts schieben.
Das aber ist nicht übertrieben.

Faust
Und wenn die wilden Stürme rasen?

Mephistopheles
Und wenn sie ringsum wütend bellen,
So spielen sie in unsern Wellen,
Wie durchs Getreide junge Hasen.

Faust
Wie steht's um Sandbank, Freund, und Klippen?

Mephistopheles
Die machen uns kein Tröpflein Meeres nippen.
Die Bänke ducken sich, die Felsenriffe,
Nachgiebig, biegen sich vor unserm Schiffe,
Wie weiche Butter vor der Messerklinge.

Faust
Was rühmst du weiter an dem Dinge?

Mephistopheles
Das Schönste sind die Zimmer der Kajüte,
Mit zaubrischen Tapeten ausgehangen,
Die sich gestalten, wie du's magst verlangen:
Zur Frühlingslandschaft frisch, mit Laub und Blüte.
Dann schweigt das Meer, du hörst allein die Weste
Melodisch säuseln durch die grünen Äste,
Du bist umwürzt von süßem Waldesduft,
Du hörst die Nachtigall, die ferne ruft. -
Mit noch so leiser Sehnsucht nach dem Herbst
Du plötzlich anders die Tapete färbst:
Du siehst am Felde schöne Schnitterinnen
Im Abendrote stehn - und Liebe sinnen;
Du hörst die Wachtel schlagen im Getreide,
Du siehst den Jäger still den Wald beschleichen,
Zugvögel wandernd durch die Lüfte streichen,
Die Herden kehren von der Alpenweide. -
Fällt dir mit seinem Reiz der Winter ein,
Wird's gleich auf der Tapete Winter sein:
Die sturmverwehten Blätter rauschend fallen,
Dicht stöbert Schnee, nun starren alle Bäche,
Die erst geplätschert, auf gefrorner Fläche
Ziehn lustige Schlitten hin mit Peitschenknallen.

Faust
Sei mir vom Land und seinem Wechsel still.
Vergeßner Schalk! hab ich dir nicht gesagt,
Daß ich die Erde nun verlassen will,
Weil mir ihr Wechselspiel nicht mehr behagt?

Mephistopheles
Verzeih! mir fiel's nicht ein sogleich,
Mir spielte mein Gedächtnis einen Streich.

Faust
Sonst brauch ich dein Gedächtnis nicht zu wecken,
Wenn's gilt, mit alten Dingen mich zu necken.

Mephistopheles
Verkenne meinen guten Willen nicht.
Dich zu erinnern, heischt oft meine Pflicht.
Mich zwingt mein Pakt, die Wahrheit dir zu nennen;
Nur aus Vergangnem kannst du sie erkennen.
Ich liebe sonst ein schlecht Gedächtnis;
Von lüderlichen Vätern ein Vermächtnis,
Seh ich's zumal an lust'gen Herrn
Zuweilen für mein Leben gern.
Verwittert wo ein alter Turm,
Von Regenguß zernagt und Sturm,
Und fallen aus den Fugen lose Stücke,
Dann kommen räuberische Geier
Und nisten in der Mauerlücke,
Und brüten drinnen ihre Eier.
Also zernagt der laute Lebenssturm,
Also zernagt der stille Todeswurm
Euch der Erinnrung alterndes Gebäude;
Und fällt dann aus der aufgelösten Fuge
Ein Stück Gedanke, Vorsatz, Schmerzen, Freude:
So fliegt manchmal herbei mit Blitzesfluge
Der Hölle Raubgevögel, Leidenschaften,
Die in der Lücke nisten, brüten, haften. -
Da hast du was von deiner lieben Braut!
Was ich dir von der Wahrheit hier vertraut,
Ist nur von ihrem Kleid ein dunkles Band;
Doch Ritter ehren jedes Liebespfand.

Faust
Ich nehm's, noch bin ich meinem Bunde treu;
Denk ich auch manchmal mit geheimer Scheu
Der Wahrheit und mit sehnsuchtsvollem Zagen,
Für die nur freudig einst mein Herz geschlagen. -
Du gabst von ihrem Kleid ein dunkles Band,
Wird sie im Trauerflore mir erscheinen?
Kommt sie, wohlan, ich biet ihr meine Hand,
Und soll sie ewig mir am Halse weinen.

Mephistopheles
Genug davon. Besprechen wir die Reise.
Ich war für dich bedacht auf jede Weise.
Vor schlimmer Langeweile dich zu sichern,
Hab ich das Schiff bepackt mit guten Büchern.
Damit nicht etwa dein Verstand,
Siehst du nur Meer und nirgends Land,
Zum alten Bibelwesen mache Kehrum,
Hab ich Lucretium de natura rerum
Dir aufgeschlagen; 's ist mein Lieblingsbuch,
Es hält so manchen kräftig kühnen Spruch,
Besonders von den Göttern und der Liebe;
Ich meine, daß ich's selbst nicht besser schriebe.
Auf dem Verdecke woll'n wir dann spazieren,
Und ich will dir den Kauz interpretieren.
Dann ist gesorgt für allerliebste Flaschen.
Mein feiner Koch setzt Gaumen dir und Nase
Mit seinen Meisterstücken in Ekstase.
Auch geb ich noch was andres dir zu naschen,
So schön und witzig, und so schmachtend feurig,
Und in den Liebsgeschäften doch erst heurig:
Sechs Mädel sind's, hast neuen Spaß mit jeder.
Bist du zufrieden so mit deinem Reeder?

Faust
Ich bin's mitnichten; und ich nehme
Dein Fahrzeug nicht, das ekelhaft bequeme.
Solang ich mich noch fühle Sohn der Erde,
Ist heimisch mir die irdische Beschwerde.

Mephistopheles
Ich wollte nur mit solchen Zauberschwänken
Behüten dich vor allzuvielem Denken.
Du kennst das Meer noch nicht; das ernste Ding
Schon manchem Wandrer sehr zu Herzen ging.

Faust
Ich will's in seiner Furchtbarkeit erschauen.
Schaff mir ein Schiff, nicht zauberhaft gemächlich,
Schaff mir's, wie es die armen Menschen bauen,
Unsicher, schwank und sturmzerbrechlich.
O Sturm, o Sturm, wie sehn ich mich nach dir!

Mephistopheles
Der Sturm ist weniger bedenklich mir.
Wenn's heult und brüllt, wenn alles wankt und kracht,
Ein kriegrisch Wesen bald in dir erwacht,
Das dem Tumult und allen Todesschlägen
Mannstrotzig und frohlockend zieht entgegen.
Bedenklich aber ist das stille Meer,
Dagegen hält dein Trotz und Stolz sich schwer.
Wenn Welle ruht und jedes Luftgeflüster,
Wenn Meer und Himmel schweigend sich umschlingen
Und fromm, fast wie zwei betende Geschwister,
Das könnte, sorg ich, meinen Faust bezwingen,
Da fürcht ich Schwärmerei an meinem Faust,
Hat auch der Sturm vergebens ihn gezaust.....

Indessen ist die Nacht hereingebrochen,
Die Wogen brausend an die Klippen pochen,
Von Winden wird die Felsenbucht durchpfiffen,
Die Wetterwolken laut und lauter kommen,
Das Zauberboot ist an den Strand geschwommen
Es schaukelt sich und tändelt mit den Riffen,
Und drinnen süße Stimmen musizieren,
Die, kaum gehört, im Sturme sich verlieren.

Mephistopheles
Ich frage dich: ist dir das Schiff nicht recht?
Zum letztenmal: verschmähst du es im Ernst?

Faust
Ich frage dich, rebellisch kecker Knecht!
Zum letztenmal: ob du gehorchen lernst?....

Der Böse zürnt, aus seinem Auge fährt
Ein Blitz aufs Boot, der's zündet und verzehrt.
Hoch flammt es auf und sprüht und zischt umher,
Und flattert hin. Der Nacht tiefschwarzer Schleier
Fängt nun im Schiffesbrande plötzlich Feuer
Und leuchtet weithin übers wilde Meer. -

Der Morgen graut, es weht ein frischer Wind
Seewärts und treibt hinaus ein Schiff geschwind.
Die Wimpel flattern, jedes Segel schwoll,
Der Sehnsucht nach der dunklen Ferne voll.
Am Schiff vorüber flieht der Wellenschaum;
Und wie die Sonn' empor im Osten zieht,
Das Land zurückverschwindet und entflieht,
Wie, wenn der Tag erscheint, ein dunkler Traum.
Faust wandelt fort im dumpfen Wellenbraus
Und starrt zur Meereseinsamkeit hinaus.

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Poem Submitted: Tuesday, May 22, 2012

Poem Edited: Tuesday, May 22, 2012


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