Saturday, June 8, 2019

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Mónica und ich entkamen den Nazis um Haaresbreite
das erfuhr ich erst später, denn:
als es losging
waren wir schon im Keller
suchten unter der Menge von Alten meine Mutter (alles war
sehr jüdisch und ich - vorhersehbar/seltsamerweise - Jude mit allem, was dazu gehört)
das Gesicht meiner Mutter, eine Indianerin aus Potosí, ausgemergelt von
Prostitution oder Osteoporose
bis mir der Heilige Franziskus mit ernster Stimme verkündete
die Nazis hätten meine Mutter ermordet
weil sie eine Nutte, eine Jüdin, eine verfluchte Indianerin war
ich sprang die Treppe des Unterschlupfs hinauf
aber als ein Feigling: Die ganze Zeit über hatte ich gewusst
dass der Ausgang nicht in den Krieg führte
dass dem Krieg
mit einer Mauer ein Ende gesetzt worden war
was ich draußen sah
war ein Gemüsebeet
oder ein Beet und ein Garten und vielleicht ein Wald
auf jeden Fall Pflanzen, verbrannt von der Wintersonne
ich rannte über krachende Zweige
unter Tränen, sicher, aber doch wie
eine Figur aus einem Film: meine Augen hinter
meiner rechten Hand verborgen (ich dachte: ist das
wirklich mein Schmerz? der blonde Rasen einer
fehlenden Verbindung - die Krone seiner Flammen der Frotteestoff
seiner Klinge? Ich dachte: Ich, der ich in die Mine hinabgestiegen bin
und gelernt habe, Diamanten zu kastrieren
dachte: Morgen werden ihre Gebeine Wein sein oder ein Haufen Schutt
am Ende des Gartens: das Beet, der Wald
ich stieß gegen eine natürliche Stufe aus Kalkstein
eine Verformung, vielleicht ein Altar und darauf
erneut Köpfe von weinenden
Juden
(mit der rechten Hand vor dem Gesicht, sicher)
sie beteten zu ihren Toten mit ihrem ganzen Hass
eingetaucht in den Schmutz der Schweine
der die heilige Einheit des nassen Steins bedrohte
ich erinnerte mich an die tote Indianerin mit Osteoporose, meine Mutter
die Nutte oder die Frau aus Potosí
und neigte meinen Kopf, um ebenfalls zu beten, doch meine Sprache
blieb anders als ihre: ich fand keinen Trick
um dem zu entgehen
obwohl ich ein echter Jude war (dies bewiesen
der Keller die Nazis mein Schmerz). Ich beschloss
ihr Gebet nachzuahmen - ich weiß nicht auf wie lächerliche
oder niedere Weise: yahweh elohay bkaa chaaciytiy
howshiy `eeniy mikaal rodpaiwhatsiyleeniy
und klammerte mich an den Altar (der von soviel Geschrei und Geheul
schon zu Sand zerfallen war)
als eine Hand (zuerst dachte ich
sie gehöre dem Heiligen Franziskus
aber - vorhersehbar/ seltsamerweise - war es
der Rabbiner), seine Trosthand
die mich voller Verachtung in den Nacken schlug und
rügte: „Du solltest dir ein Beispiel an dem Italiener nehmen
der hat nicht schon vom ersten Tag an geweint
sondern das Buch in einem Jahr
auswendig gelernt" - und zeigte auf ihn: ein
bärtiger Mathematikprofessor
ohne semitische Züge, aber in einem fehlerfreien Hebräisch
der von einer Art Erhöhung herunter die Psalmen aufsagte
auf die unwiderstehlich abscheuliche Art
eines Tenorbuffos / der Italiener
erhob sich von seinem Sitz (d.h. von dem bloßen Felsen) und
erklärte - wie es
die besten Algebrameister tun -
ohne eine Spur von Ärger oder Freude
das Wasser sei wie ein Krake, wenn man es im Schlaf berührt
und dass der reine Klang auch schmecke
denn er habe Geschmack - wenn auch den der Stille - ein Mund ohne Speise
„jetzt bete ich für den Leichnam eines Mädchens aus meinem Dorf"
und er befahl mir
(jemand legte ein Tablett mit Gläsern auf meine Handfläche)
„du wirst tanzen im Takt meiner Klage
ohne einen Tropfen zu verschütten bis der Wein
oder der Haufen Schutt, die Gebeine deiner Mutter zerfallen sind
Und du entdeckst, dass der Schmerz
der vernarbende Schmerz der Heiligkeit
nicht im Gebet liegt,
sondern im Tanz."
...
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JULIÁN HERBERT
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