Jan Wagner was born in Hamburg in October 1971. He studied British and American Studies at the University of Hamburg and the Trinity College in Dublin, before moving to Berlin, where he still lives today.
In Berlin Wagner started out by working on the international “literature box” Die Aussenseite des Elementes. Since 1995 he had been issuing the box together with Thomas Girst and a changing editorial team, till, after the eleventh edition, the project had to be ended in 2003.
sechs, sieben meter freier fall
und ich war weiter weg
als je zuvor, ein kosmonaut
in seiner kapsel aus feldstein,
betrachtete aus der ferne
das kostbare, runde blau.
ich war das kind
im brunnen. nur die moose
kletterten am geflochtenen
strick ihrer selbst nach oben,
efeu stieg über efeuschultern
ins freie, entkam.
ab und zu der weiße blitz
eines vogels, ab und zu
der weiße vogel blitz. ich aß,
was langsamer war. der mond,
der sich über die öffnung schob,
ein forscherauge überm mikroskop.
gerade, als ich die wörter assel und stein
als assel und stein zu begreifen lernte,
drang lärm herab, ein hasten, schreie,
und vor mir begann ein seil.
ich kehrte zurück ins läuten der glocken,
zurück zu brotgeruch und busfahrplänen,
dem schatten unter bäumen,
gesprächen übers wetter, kehrte
zurück zu taufen und tragödien,
den schlagzeilen, von denen
ich eine war.
...
six, seven metres free-fall
and i was further away
than ever before, a cosmonaut
in his field-stone capsule
gazing from afar
at the precious round of blue.
i was the child
in the well. only the moss
climbed the braided twine
of itself to the lip, ivy
climbed on shoulders of ivy
into the open to freedom.
now and then the white flash
of a bird, off and on
the white bird flash. i ate
anything slower. the moon
slid over the opening -
a boffin's eye at the microscope.
just when the words slater and stone
had begun to mean slater and stone,
noise arrived, a hollering and hurrying:
in front of my nose began a rope.
i went back to tolling bells,
back to bread-smells and bus times,
to shade under the trees
and talking about the weather, went
back to christenings and tragedies,
to the headlines, of which
i was one.
...
großvater wurde einbalsamiert
in seines und hinausgetragen,
und ich entdeckte ihn ein jahr später,
als wir die betten frisch bezogen,
zur wespe verschrumpelt, winziger
pharao eines längst vergangenen sommers.
so faltete man laken: die arme
weit ausgebreitet, daß man sich zu spiegeln
begann über die straffgespannte fläche
hinweg; der wäschefoxtrott dann, bis schritt
um schritt ein rechteck im nächstkleineren
verschwand, bis sich die nasen fast berührten.
alles konnte verborgen sein
in ihrem schneeigen innern: ein leerer
flakon mit einem spuk parfum, ein paar
lavendelblüten oder wiesenblumen,
ein groschen oder ab und zu ein wurf
von mottenkugeln in seinem nest.
fürs erste aber ruhten sie, stumm
und weiß in ihren schränken, ganze
stapel von ihnen, eingelegt in duft,
gemangelt, gebügelt, gestärkt,
und sorgfältig gepackt wie fallschirme
vor einem sprung aus ungeahnten höhen.
...
grandfather was embalmed in his
and carried out, and i
discovered him one year
later when we changed the beds -
shrivelled to a wasp, tiny
pharaoh of a long-gone summer.
sheets were folded by spreading
your arms to mirror your opposite
across their taut expanse. then
came the laundry foxtrot: each
rectangle swallowed by its half,
our noses nearly touching.
anything could be hidden
in their snowy hearts: an empty
vial containing a ghost of perfume,
lavender blossoms or meadow
flowers, a penny, the odd
clutch of mothballs in their nest.
but now they slumbered, mute
and white in their cupboards, great
piles of them, steeped in fragrance,
mangled, ironed and starched,
as scrupulously stacked as parachutes
before a jump from undreamt-of heights.
...
bis eben nichts als eine feine linie
um kinn und lippen, jetzt ein ganzer bart,
der wächst und wimmelt, bis ich magdalena
zu gleichen scheine, ganz und gar behaart
von bienen bin. wie es von allen seiten
heranstürmt, wie man langsam, gramm um gramm
an dasein zunimmt, an gewicht und weite,
das regungslose zentrum vom gesang . . .
ich ähnele mit meinen ausgestreck-
ten armen einem ritter, dem die knappen
in seine rüstung helfen, stück um stück,
erst helm, dann harnisch, arme, beine, nacken,
bis er sich kaum noch rühren kann, nicht läuft,
nur schimmernd dasteht, nur mit ein paar winden
hinter dem glanz, ein bißchen alter luft,
und wirklich sichtbar erst mit dem verschwinden.
...