Jan Wagner

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Jan Wagner Biography

Jan Wagner was born in Hamburg in October 1971. He studied British and American Studies at the University of Hamburg and the Trinity College in Dublin, before moving to Berlin, where he still lives today.

In Berlin Wagner started out by working on the international “literature box” Die Aussenseite des Elementes. Since 1995 he had been issuing the box together with Thomas Girst and a changing editorial team, till, after the eleventh edition, the project had to be ended in 2003.

Jan Wagner Poems

1.
GIERSCH

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen - darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt seine kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.
...

2.
BINDWEED

do not underestimate the bindweed,
its need for wreathe and stifle rooted deep
in its name - hence the blossom, blinding, white,
as chaste as a tyrant's dream.

like an ancient crime, an unpaid debt,

it returns to haunt a scene. by cover
of darkness, beneath the fields or a lawn,
it sends out feelers, fires a riot,

rises glorious in green. behind the barn,
convolved in cypress or bean, the unkind
climber spirals; a seething, creeping spume

it twines up walls and roan, choking
windows and drain, trumpeting, binding, abiding,

till nothing breathes but bindweed, and nothing more is seen.
...

3.
VERSUCH ÜBER MÜCKEN

als hätten sich alle buchstaben
auf einmal aus der zeitung gelöst
und stünden als schwarm in der luft;

stehen als schwarm in der luft,
bringen von all den schlechten nachrichten
keine, dürftige musen, dürre

pegasusse, summen sich selbst nur ins ohr;
geschaffen aus dem letzten faden
von rauch, wenn die kerze erlischt,

so leicht, daß sich kaum sagen läßt: sie sind,
erscheinen sie fast als schatten,
die man aus einer anderen welt

in die unsere wirft; sie tanzen,
dünner als mit bleistift gezeichnet
die glieder; winzige sphinxenleiber;

der stein von rosetta, ohne den stein.
...

4.
AN ESSAY ON MIDGES

as if all the letters had suddenly
floated free of a paper
and formed a swarm in the air;

they form a swarm in the air,
of all that bad news telling us
nothing, those skimpy muses, wispy

pegasuses, only abuzz with the hum
of themselves, made from the last twist
of smoke as the candle is snuffed,

so light you can hardly say: they are -
looking more like shadows, umbrae
jettisoned by another world

to enter our own, they dance, their legs
finer than anything pencil can draw,
with their miniscule sphinx-like bodies;

the rosetta stone, without the stone.
...

5.
IM BRUNNEN

sechs, sieben meter freier fall
und ich war weiter weg
als je zuvor, ein kosmonaut
in seiner kapsel aus feldstein,
betrachtete aus der ferne
das kostbare, runde blau.

ich war das kind
im brunnen. nur die moose
kletterten am geflochtenen
strick ihrer selbst nach oben,
efeu stieg über efeuschultern
ins freie, entkam.

ab und zu der weiße blitz
eines vogels, ab und zu
der weiße vogel blitz. ich aß,
was langsamer war. der mond,
der sich über die öffnung schob,
ein forscherauge überm mikroskop.

gerade, als ich die wörter assel und stein
als assel und stein zu begreifen lernte,
drang lärm herab, ein hasten, schreie,
und vor mir begann ein seil.

ich kehrte zurück ins läuten der glocken,
zurück zu brotgeruch und busfahrplänen,
dem schatten unter bäumen,
gesprächen übers wetter, kehrte
zurück zu taufen und tragödien,
den schlagzeilen, von denen
ich eine war.
...

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