Wolfgang Steinmann


Mercy Street 45 - Poem by Wolfgang Steinmann

Mercy Street 45

In meinen Träumen,
die sich ins Mark
meiner Knochen bohren,
meinen wirklichen Träumen,
suche ich entlang Beacon Hill
überall nach Strassenschildern –
ganz besonders nach MERCY STREET.
Nicht zu finden.

Back Bay nicht besser.
Nicht zu finden.
Nicht hier.
Ich bin mir sogar der Nummer sicher.
Mercy Street 45.
Ich sehe das Butzenfenster
im Flur vor mir,
die drei Stockwerke des Hauses
mit ihrem Parkett.
Ich sehe die Möbel und
Mutter, Grossmutter und Urgrossmutter,
die Bediensteten.
Ich sehe die Borde mit Porzellan,
die Schale mit Eis, aus gediegenem Silber,
und die Butter liegt darin in sauberen Quadern
wie unwirkliche Riesenzähne
auf dem grossen Mahagony-Tisch.
Ich sehe es genau.
Nicht hier.

Wo bist du,
Mercy Street 45?
Mit meiner Urgrossmutter kniend
in ihrem Walfischknochen-Korsett
um fünf Uhr morgens
leise und inbrünstig das
Waschbecken anbetend.
Zur Mittagszeit im Schaukelstuhl dösend
während Grossvater im Schuppen schläft,
Grossmutter nach der Bedienerin klingelt
und Nana meine Mutter wiegt, die eine riesigen Blume
auf der Stirn hat um die Locke zu verbergen,
ob sie gut gewesen oder …
Und wo sie geschwängert wurde
und eine Generation später
wieder schwanger mit
mir;
der Same des Fremdlings entfaltet sich
zur Blume Schrecken genannt.

Ich trage ein gelbes Kleid
und habe eine weisse Tasche mit Zigaretten,
Tabletten zur Genüge, meinem Geld, meinen Schlüsseln,
bin 28 oder bin ich 45?
gehe hin und her, auf und ab.
Ich halte Streichhölzer and die Strassenschilder,
denn es ist dunkel
so dunkel wie lederner Tod
und mein grüner Ford ist weg,
mein Haus in der Vorstadt,
zwei kleine Kinder
aufgeleckt wie Pollen von der Biene in mir
und mein Mann,
der sich die Augen wischt
damit er mein Innerstes nicht sieht;
und hier gehe ich, suche
und es ist kein Traum,
nur mein öliges Leben
in dem die Leute Alibis sind
und die Strasse wird unauffindbar sein
ein Leben lang.

Zieh die Vorhänge zu –
Ist mir egal!
Verriegle die Tür, Mercy,
schmeiss die Nummer weg,
demolier das Strassenschild;
was bedeutet es denn,
was bedeutet es denn dieser geizigen Figur,
die Vergangenheit haben will,
die mit einem Totenschiff abgesegelt ist
und mir nichts als Papiere hinterlassen hat?

Nicht hier

Ich mache meine Tasche auf,
so wie Frauen das tun,
und Fische schwimmen darin herum
zwischen Dollars und Lippenstift.
Ich nehme sie,
einen nach dem anderen,
und schmeisse sie auf die Strassenschilder,
und meine Tasche schiesse ich
in den Charles River.
Dann reisse ich den Traum ab
und renne in die Zementmauer
des doofen Kalenders,
in dem ich lebe,
mein Leben
und all seine gesammelten
Poesialben.

(nach Anne Sexton: 45 Mercy Street)

This is a translation of the poem 45 Mercy Street by Anne Sexton

Topic(s) of this poem: memories


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Poem Submitted: Wednesday, March 25, 2015

Poem Edited: Wednesday, March 25, 2015


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