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Wednesday, October 1, 2014

Ein Schmaler Streifen Kahler Klippen

Ein schmaler Streifen kahler Klippen, Felsen;
Die Schneise, schlängelnd, holprig, eingeklemmt
Hier zwischen Wasser und den sanften Hang
Mit Ranken und mit Büschen, gibt dem Ufer
Von Grasmere eine ungestörte Ruhe:
An diesem Ort war ich mit lieben Freunden, zwein,
An einem Morgen im September, ehe
Der Morgennebel seinen Platz der Sonne
Geräumt, den ausgetret'nen Steig zu wandern.
- Schlecht taugt der Pfad dem Wanderer in Eile;
Doch uns war Zeit genug; wir schlenderten
Mit nichts im Sinn als mit dem Aug' zu sammeln
Das Treibgut, das die Flut ans Land gespült -
War Blatt und Feder, Kraut und bleiches Holz,
In ungezählter Menge aufgehäuft
Mit vielem Tand. Nicht selten hielten wir
Im Schritte ein, ganz sorgenfrei, ein Flöckchen
Vom Löwenzahn, ein Distelblatt zu schau'n,
Das auf den totenstillen See geweht,
Und plötzlich inne hielt - so leblos dann!
Dann wieder glitt es fort mit jähem Zauber;
Und so mit seinem frohen Treiben zeigt' es
Uns auf die leichte, unbemerkte Briese,
Die ihm sein' Flügel war, Gefährt und Pferd,
Und Spielgefährte, besser noch, sein Wesen.
- Und ohne Murren gaben wir einander
Das Recht, zu weilen, hier der Eine, dort
Der Andere, ein Wasserkraut zu heben,
Dort eine Blume anzuschau'n, zu schön
Von ihrem schattigen Bett getrennt zu sein,
Zu schön, nur für sich selbst blüh'n
An diesem Ort. Es gibt so vieles hier,
Die Blumen, Farne, - sonderlich der hohe Farn,
So hoheitsvoll, man nennt ihn gar ‘Regalis' -
In seinem kargen Haus an Grasmere's Ufer
Ist er noch lieblicher als die Najaden
An fremden Bächen, als die Wasserfee,
Die über den verträumten Wassern wacht.
- So säumten wir im jungen Tag; die Felder
Ertönten 'mählich mit dem frohem Lachen
Der Schnitter, Bursch' und Maiden, Weib und Mann.
Wir freuten uns des munt'ren Klangs und zogen,
Den Musen und der Musse hingegeben
Entlang des fels'gen Ufers; plötzlich ragte
Vor uns auf einem Vorsprung in den See
Und eingehüllt in dünne Nebelschleier
Der Schatten eines hochgewachsenen Mannes.
Die Joppe und das Wamms nach Bauern Art
Liess er die Angel auf dem Wasser ruh'n.
‘Wie dumm und unbedacht, ' so riefen wir,
‘Muss einer sein, der so die Erntezeit
Vertut; ist nicht der Arbeit viel zu tun? ,
Und sollte er nicht in die Scheuer fahren
Was ihm im Winter gut und nützlich sei? '
Und so den Bauern tadelnd kamen wir
Der Stelle näher, wo er stand, allein
Mit Lein' und Rute; uns zu grüssen
Hob er den Kopf - da sahen wir, der Mann
War krank, die Wangen eingesunken, schlaff,
Die Arme, Beine Haut und Knochen bloss,
So sah ich ihn und konnte nicht begreifen
Wie solche Glieder seinen Körper trugen. -
Zu schwach im Erntefeld die Hand zu rühren
Tat er, was ihm noch möglich, seinen Teil
Zu zieh'n aus diesem toten, kalten Wasser,
Das nichts von seinem Leid gewusst. Ich will
Von unserer früheren Wonne nicht mehr reden,
Und nicht, von dem was wir gefühlt und wie
Die holden Bilder dieses Morgens ausgelöscht
Von Grübelei und Selbstvorwurf und Schuld.
Und wir erkannten wohl, wo wir gefehlt:
Dass man sein Wort mit Vorsicht wählt und wägt,
Verständnis den Gedanken Zügel gibt.
- Und so beschlossen wir, mein Freund und ich
Und sie, in gleicher Weise wohl belehrt,
Den Ort in der Erinn'rung zu behalten;
Nie gab ein Seemann einer Meeresbucht
An einer fremden Küste einen Namen
So sonderbar wie der, den wir gewählt:
‘Kap Unbedacht' heisst dieser Ort seitdem.

(nach: William Wordsworth,
aus dem Englischen)
This is a translation of the poem A Narrow Girdle Of Rough Stones And Crags by William Wordsworth
Topic(s) of this poem: nature
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