Wolfgang Steinmann


Erinnerte Augenblicke - Poem by Wolfgang Steinmann

Du lagst schon im Bett.
Du hörtest deine Mutter in der Küche wursteln.
Es war noch hell, die Spatzen schimpften,
Der Wasserfall hinter dem Haus fiel.
Sein Plätschern machte dich dösig,
Du liesst dich glücklich im Augenblick treiben
Und hieltest die Zeit an,
Diesen Augenblick

Bis zum nächsten,
Um ihn aufzuheben, so dass
Er noch einmal erlebt werden könnte,
Dein Hochzeitstag, oder irgend ein anderer Tag,
Der all dieses Glücklich-Sein brauchte,
All diese aufgehobenen Minuten, die du ihm schenken könntest.

An einem anderen Tag fülltest du Flaschen am Fluss,
Schriebst das Datum darauf, und stelltest sie ins Regal.
Monate später holtest du sie wieder raus,
Um zu sehen, was die Zeit bewerkstelligt hatte.
Acht Jahre warst du alt, aber du wusstest schon,
Was mit dir geschah,
Jede Minute, die du erlebtest, war Vergangenheit.
Du wolltest deine abgetragenen Kleider nicht weggeben.
Du sahst, wie die Mutter deine Kleider
In Kartons packte, sie einem anderen Mädchen zu geben;
Und du wusstest, wohin diese Streifen und Knöpfe auch gingen,
Was du mit ihnen erlebt hattest, ging mit ihnen.

Aber in jenem Augenblick im Bett,
Diesen Minuten völliger Sicherheit,
Hörtest du das Wasser fallen,
Und wolltest doch nicht, dass es fiel.
Du wolltest es festhalten,
Dir diesen Augenblick auf immer erhalten.
Ich weiss nicht, ob du ihn noch besitzt
Oder ob du ihn an dich oder mich
Abgeben musstest.
Aber ich weiss, dass du immer noch
Augenblicke in unserem Zeitkonto sparst,
– Unbeobachtete Minute, so glaubte ich wenigstens –;
Und Abheben ist nicht erlaubt.
Du bewahrst Schuhe auf, und Briefe,
Dinge, die nicht dauern, Dinge, die wir abgetan haben,
Belege, die uns nicht freundlich sind.
Du hast das Foto noch von dir und Pam in Blau,
Im Fluss unterhalb des Teiches fischend und
Ein bischen verlegen in die Kamera starrend.
Deine Jacke ist noch im Schrank.
Du trägst sie nie, kannst dich nicht einmal
Daran erinnern, wann du sie zum letzten Mal an hattest;
Aber sie ist hier, und beweist,
Dass das Foto die Wahrheit sagt
– Wenn die Farbe auch verblasst
Und dein Haar jetzt kürzer
Und das Wasser im Teich
Längst weitergeflossen ist.

(nach Jonathan Galassi: Saving Minutes)

This is a translation of the poem Saving Minutes by Jonathan Galassi

Topic(s) of this poem: memories


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Poem Submitted: Monday, March 9, 2015



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