HERZ Poem by VICENTE LUIS MORA

HERZ


Ich hab‘ ihr mein Herz gegeben. Ich hab‘ es rausgeholt und hab‘s ihr in die Hand gelegt. Sie war ganz glücklich. „Es ist dein Herz", hat sie gesagt, „du hast es noch nie jemandem gegeben". Auch ich hab‘ gelächelt. Sie hat es ganz zärtlich zu sich hingezogen. „Es ist stark". Das war es. Sie hat ver-sucht, es zu drücken. „Es geht gar nicht kaputt", hat sie gesagt, „es ist stark, sehr stark". „Behalt‘ es. Jetzt gehört‘s dir." Sie hat es in ihre Tasche gesteckt. „Damit ich es bei mir habe, immer bei mir". Abends hat sie es dann ganz verzaubert angeschaut. Im Café hat sie‘s sogar vor ihren Freundinnen rausgeholt, um damit anzugeben. „Schaut mal, wie stark es ist". Sie hat gierig gelächelt und mit der Gabel reingestochen. Dann ist sie nachhause zu ihrer Mutter gegangen und hat der mein Herz gezeigt. Sie hat sich draufgestellt und ist mit den Absätzen drauf rumgehüpft. „Mama, es geht gar nicht kaputt". Ihre Mutter hat nur gelacht. Am Abend haben wir uns getroffen. Sie hat mein Herz auf den Tisch gelegt und versucht, mit den Nägeln das Fleisch zu zerreißen. „Ich hab‘ entdeckt, daß es sogar Feuer aushält. Schau mal!" Und sie hat ein Feuerzeug drunter gehalten. „Man kann es auch aus dem zehnten Stock werfen". „Woher willst du das denn wissen?", hab‘ ich sie gefragt. „Ganz einfach, ich hab‘s ausprobiert. Morgen will ich versuchen, es im Meer zu versenken, mal sehn, was es aushält."

Saturday, June 8, 2019
Topic(s) of this poem: war
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