Unterirdische Liebe Poem by ANA RISTOVIĆ

Unterirdische Liebe

Als wir einzogen,
lebten wir halb in der Erde,
halb über ihr-
eine Souterrainwohnung
mit Blick auf einen Garten
voller Pfirsich- und Weichselblüten.

Wir wussten, dass zu grelles Licht
die angefaulten Körper verschreckt
und die Feuchtigkeit entzieht,
die man nur zu zweit teilen kann.
Und wir lagen nackt im kühlen Zimmer
und glitten aufeinander
und tauschten kleine, behütete Tode aus,
wie Pullover, in die Motten längst
ihr Gelege verwebt hatten.

Als wir einzogen, sagtest du:
„Einigen Büchern muss man
das Recht zugestehen, sich zu erleichtern",
und stellte auf ein Bord im Klo, senkrecht
zur unterirdischen Welt,
Joyce' Briefe an Nora.
„Manchen Träumen muss man
einen Riegel vorschieben", sagte ich
und schob Ciorans Lehre vom Zerfall
wie ein Lanze neben das Kopfkissen.

Als wir einzogen, halb in der Erde,
halb über ihr,
zog ich wie Ariadne an der Nabelschnur,
die dir bei deiner Geburt dreimal
um den Hals gelegt worden war.

Und du verwandeltest das halbes Kilo,
das mich einst vom Brutkasten trennte,
in die Kraft eines Gewichts, das ich liebe,
das der armen Erde fehlte,
um mich an sich zu fesseln.

Wir waren wie zwei lecke Boote,
aus denen jemand jahrelang Wasser
zurück ins Meer schöpfte.

Heute sind wir zwei Höhlen,
in denen zwei Boote wachsen,
die den Rand kennen,
und dennoch in der Stille
die Ruder einziehen.

Wir stellen uns nicht mehr
auf die Zehenspitzen,
um den Himmel zu sehen:
Wir glauben, dass er von uns
bald Uferlosigkeit,
bald Einöde borgt.

Das Faulen, mein Lieber,
ist ein Vorrecht des Reifens;
über und unter der Erde,
derselbe Genuss, derselbe Austausch.

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